Druckschrift 
5 (1927) Erde, Gewächs und Weltall
Entstehung
Seite
167
Einzelbild herunterladen
 

Insekten, in deren einfachem Leben die einzelnen Stufen desselben strengersich scheiden, indem zum Beispiel im Embryo die Gestaltung und Ernährungdurch pflanzliche Aufsaugung des Bildungsstoffs von außen her (aus dem Eie)vor sich geht, dann in der Raupe die dort gebildeten Organe wirken, das ani-male Leben erwacht, um Nahrung aufzunehmen, die Verdauung vorwaltet,und neben der Grundlage neuer Organe zugleich ein Vorrat von Bildungsstoffgeschaffen wird, hierauf in der Puppe das animale Leben zurücktritt undwährend dieses schlafartigen Zustandes die innere Ausbildung fortschreitet,und der angesammelte Bildungsstoff zu Vollendung des Gliederbaues verwendetwird, im Schmetterlinge endlich das animale Leben in Sinnentätigkeit, Be-wegung und Zeugung freier hervortritt. Kein einzelnes Lebensalter faßtdemnach die volle Bedeutung des Lebens in sich, sondern jedes einzelne hatnur seinen bestimmten Anteil daran, mithin auch seinen eigenen Wert. Daherdarf man denn auch das Mittelalter nicht als das ausschließliche Ziel desLebens betrachten; denn wenn es auch die der menschlichen Natur zukommen-den Kräfte verhältnismäßig am vollständigsten darstellt, so hat es dochmanche Vorzüge der früheren Zeiträume eingebüßt und den eigenen Wertdes hohen Alters noch nicht erreicht. So finden auch die verschiedenstenLebensalter im Umgange miteinander gegenseitige Ergänzung: der Jüngerefindet im Älteren einen Stützpunkt, und dieser gewinnt in jenem Anregungund Ermunterung, die sinnige Betrachtung des Kindes zeigt dem Gereiftendas Bild einer Menschheit in ihrem Keime, und die Anschauung des im Greiseherrschenden Friedens vergegenwärtigt uns die wahre Bedeutung des Lebens.(Karl Friedrich Burdach, Der Mensch nach den verschiedenen Seiten seinerNatur, 1837.)

DER TOD

Wie dem Laufe der Sonne und der leuchtenden Gestirne, so ist dem leiblichgewordenen Lichte dem organischen Leben ein bestimmter und ab-gemessener Gang durch die Zeit. Was jetzt Winter und tote Polarnacht ge-wesen, wird nach einiger Zeit waches und lebendiges Licht des Tages undSommers, was in dem Zusammenwirken der Gegensätze des organischenLeibes anjetzt Tod und Verwesung gewesen, wird nach einiger Zeit zumLebensanfang und erneuertem organischen Wirken, und wo im Irdischendie beiden Gegensätze, das Obere und Untere, das Belebtere und das minderBelebte, das beweglich Flüssige und das Starre sich begegnen und erfassen,wird nach einiger Zeit das Untere der Natur des Oberen teilhaftig und endlichleiblich herrschend über jenes. So stirbt und endet nach dem Alten Bunddas Leben, weil es nach der unteren Speise gelüstet.

Im allgemeinen sehen wir in dem Verlaufe des organischen Lebens das ur-sprünglich belebte Flüssige das Feste und Starre als Nahrung an sich ziehen,mit diesem sich überkleiden und so Gestalt und Wirksamkeit auf die gröbereKörperlichkeit gewinnen. Das Starre nimmt allmählich überhand, wird zu-letzt vorherrschend über das Flüssige, und dieses Überhandnehmen der Festig-keit der einzelnen Teile, welche endlich in Härte übergehet, ist die gewöhnlicheUrsache des Todes, sowie schon des Veraltens der organischen Wesen.

167