viel länger und weiter als beim Menschen. Auch die Wände seines Herzenssind doppelt so dünn und die Pulsadern doppelt so klein, daß das Blut desLöwen, sobald es aus dem Herzen tritt, schon viermal und in den Zweigender isten Abteilungen hundertmal schneller läuft, als im Menschen. DasHerz des Elefanten dagegen schlägt ruhig, beinah wie bei kaltblütigen Tieren.Auch die Galle des Löwen ist groß und schwärzlich. Seine breite Zunge läuftvorn rund zu, mit Stacheln besetzt, die anderthalb Zoll lang, mitten auf demVorderteil liegen und ihre Spitzen hinterwärts richten. Daher sein gefähr-liches Lecken der Haut, das sogleich Blut hervortreibt und bei dem ihn Blut-durst befällt, wütender Durst auch nach dem Blut seines Wohltäters undFreundes. Ein Löwe, der einmal Menschenblut gekostet hat, läßt nicht leichtvon dieser Beute, weil sein durchfurchter Gaurn nach dieser Erquickunglechzt. Dabei gebiert die Löwin mehrere Jungen, die langsam wachsen: siemuß sie also lange nähren, und ihr mütterlicher Trieb, nebst eignem Hunger,reizt ihre Raubgier. Da die Zunge des Löwen scharf leckt und sein heißerHunger ein Durst ist: so ist natürlich, daß ihn faules Aas nicht reizt. Daseigene Würgen und Aussaugen des frischen Blutes ist sein Königsgeschmack,und sein befremdendes Anstaunen oft seine ganze Königsgroßmut. Leise istsein Schlaf, weil sein Blut warm und schnell ist, feige wird er, wenn er sattist, weil er faulen Vorrat nicht brauchen kann, auch nicht an ihn denkt,und ihn also nur der gegenwärtige Hunger zur Tapferkeit treibt. Wohltätighat die Natur seine Sinne gestumpft, sein Gesicht fürchtet das Feuer, da esauch den Glanz der Sonne nicht erträgt, er wittert nicht scharf, weil er auchder Lage seiner Muskeln nach nur zum mächtigen Sprunge, nicht zum Laufgemacht ist und keine Fäulung ihn reizt. Die überdeckte gefurchte Stirn istklein gegen den Unterteil des Gesichts, die Raubknochen und Freßmuskeln.Plump und lang ist seine Nase, eisern sein Nacken und Vorderfuß, ansehnlichseine Mähne und Schweifmuskeln, der Hinterleib hingegen ist schwächerund feiner. Die Natur hatte ihre furchtbaren Kräfte verbraucht und machteihn im Geschlecht, auch sonst wenn ihn sein Blutdurst nicht quält, zu einemsanften und edlen Tier. (Herder, Ideen zur Philosophie der Geschichte derMenschheit, 1784/1791.)
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