PFLANZENZONEN
Ist auch die Fülle des Lebens überall verbreitet, ist der Organismus auch unab-lässig bemüht, die durch den Tod entfesselten Elemente zu neuen Gestalten zuverbinden, so ist diese Lebensfülle und ihre Erneuerung doch nach Verschieden-heit der Himmelsstriche verschieden. Periodisch erstarrt die Natur in der kaltenZone; denn Flüssigkeit ist Bedingnis zum Leben. Tiere und Pflanzen, Laub-moose und andere Kryptogamen abgerechnet, liegen hier viele Monate hin-durch im Winterschlaf vergraben. In einem großen Teile der Erde haben dahernur solche organische Wesen sich entwickeln können, welche einer beträcht-lichen Entziehung von Wärmestoff widerstehen und ohne Blattorgane einerlangen Unterbrechung der Lebensfunktionen fähig sind. Je näher dagegenden Tropen: desto mehr nimmt Mannigfaltigkeit der Gestaltung, Anmut der Formund des Farbengemisches, ewige Jugend und Kraft des organischen Lebens zu.Diese Zunahme kann leicht von denen bezweifelt werden, welche nie unserenWeltteil verlassen oder das Studium der allgemeinen Erdkunde vernachlässigthaben. Wenn man aus unseren dicklaubigen Eichenwäldern über die Alpen-oder Pyrenäenkette nach Welschland oder Spanien hinabsteigt, wenn mangar seinen Blick auf einige afrikanische Küstenländer des Mittelmeeres richtet,so wird man leicht zu dem Fehlschlüsse verleitet, als sei Baumlosigkeit derCharakter heißer Klimate. Aber man vergißt, daß das südliche Europa eineandere Gestalt hatte, als pelasgische oder karthagische Pflanzvölker sichzuerst darin festsetzten, man vergißt, daß frühere Bildung des Menschen-geschlechts die Waldungen verdrängt, und daß der umschaffende Geist derNationen der Erde allmählich den Schmuck raubt, welcher uns in dem Nordenerfreut, und welcher, mehr als alle Geschichte, die Jugend unserer sittlichenKultur anzeigt. Die große Katastrophe, durch welche das Mittelmeer sich ge-bildet, indem es ein anschwellendes Binnenwasser, die Schleusen der Darda-nellen und die Säulen des Herkules durchbrochen, diese Katastrophe scheintdie angrenzenden Länder eines großen Teils ihrer Dammerde beraubt zu haben.Was bei den griechischen Schriftstellern von den samothrakischen Sagen er-wähnt wird, deutet die Neuheit dieser zerstörenden Naturveränderung an.Auch ist in allen Ländern, welche das Mittelmeer bespült und welche Ter-tiärkalk und untere Kreide charakterisieren, ein großer Teil der Erdober-fläche nackter Fels. Das Malerische italienischer Gegenden beruht vorzüglichauf diesem lieblichen Kontrast zwischen dem unbelebten öden Gestein und derüppigen Vegetation, welche inselförmig darin aufsproßt. Wo dieses Gestein,minder zerklüftet, die Wasser auf der Oberfläche zusammenhält, wo diesemit Erde bedeckt ist, wie an den reizenden Ufern des Albaner Sees, da hat selbstItalien seine Eichenwälder, so schattig und grün, als der Bewohner des Nordenssie wünscht.
Auch die Wüsten jenseits des Atlas und die unermeßlichen Ebenen oder Step-pen von Südamerika sind als bloße Lokalerscheinungen zu betrachten. Diesefindet man, in der Regenzeit wenigstens, mit Gras und niedrigen, fast kraut-artigen Mimosen bedeckt, jene sind Sandmeere im Innern des alten Kontinents,große pflanzenleere Räume, mit ewig grünen, waldigen Ufern umgeben. Nur
116