berühren, die einzelnen Lebensgebilde des Leibes: absondernde und Eigentüm-liches bildende Drüsen, bewegende Muskeln, auffassende Sinnen und empfin-dende Nerven entsprießen, und es ist im gesamten tierischen Leibe kein Bilden,kein Bewegen noch Empfinden, das nicht an der Berührung der beiden Lebens-gegensätze, namentlich auch des in den entgegengesetzten Richtungen desKreislaufes angedeuteten, sich entzündete und begründete.Es ist jene Lebensflamme, welche beim Vereinen der beiden Ausgehendenerwacht und auflodert, ein Jauchzen der Lust, welche das ursprünglich Einsgewesene, jetzt Getrennte empfindet, wenn es der alten Heimat der anfäng-lichen Einheit zueilet, und in dem Moment des Vereinens wird die in ihrerGetrenntheit dunkle und leblose Welt für die obere Welt des Lichts und Lebensdurchsichtig und zugänglich, und ihr sonst unsichtbares Reich dem beleuch-teten Auge auf einige Augenblicke geöffnet. — —
Wir finden bei dem organischen Leben überall da, wo dasselbe in dem Kreiseder Sichtbarkeit hervortritt, eine eigentümliche, ansteckende Gewalt. Sobalderst das eine Blutkügelchen entstanden, findet sich alsbald zu ihm das zweiteund dritte, zu diesen dann die vielen. Zelle reihet sich in der bildsamen Flüssig-keit an Zelle, und zu den ersten Fibern eines eben sich gestaltenden Muskelsoder Gefäßbündels kommen alsbald mehrere, alle jenen gleichartig und gleich-wirkend, zu welchen sie sich gesellten.
Dennoch hat diese ansteckende und den Stoff, welcher in ihren Kreis tritt,sich verähnlichende Gewalt ihr bestimmtes Maß der Ausdehnung, ihre ab-gemessenen Grenzen im Raum und in der Zeit, und das Kaninchen erwachsetauch bei dem größten Überfluß der Nahrung nimmer zur Größe des Elefanten,und wenn das Ende der Lebensentwicklung erreicht ist, gesellet sich fernernicht mehr Zelle an Zelle, Fiber an Fiber: die verähnlichende Kraft hat beijedem Wesen nach seiner Art ihr bestimmtes Maß der Fortdauer in der Zeit.Die bildende Gewalt des Lebens, wenn sie lange genug mit der unter ihrerBerührung lebendig gewordenen, von ihr mit Leben befruchteten Leiblichkeitgespielt und über sie gewaltet, vermag diese jenseits einer gewissen Grenzenicht mehr zu beherrschen und zu halten. So wie man sagt, daß zuweilenin der Nähe des Todes der bis dahin im Innern verborgen gewesene und ge-bildete Leib des Jenseits aus seiner Verborgenheit hervortritt und der Menschsein eignes Selbst als grausenvolles Wunder mit leiblichen Augen sieht, sotritt auch in der Zeugung und Geburt dem Leben sein eignes Gleichnis als zwaralltägliches, aber hehres Wunder entgegen. Vom mütterlichen Stocke reißt sich,gelockt durch die belebende Wärme des Frühlings, der neue Bienenschwarm mitder in ihm waltenden allgemeinen Seele hervor, folgend wohin diese Seele ihnziehet, eilend, wann diese eilt, ruhend, wo diese ruhet: ein in allen einzelnenTeilen belebter, dennoch nur von der einen allgemeinen Seele bewegter und zurlebendigen Wirksamkeit erregter Gesamtleib, dessen einzelne Kräfte alsbald wiegelähmt und vernichtet erscheinen, wenn das gemeinsame Beseelende fehlt.Wie bei einzelnen lebendigen Körpern „die Form beständiger erscheint alsdie Materie, woraus sie bestehen", so wird bei dem Geheimnis der Zeugungjene ursprünglich schaffende Richtung, welche die Arten und Geschlechterhervorrief, beständiger gefunden als das Dasein der Einzelheiten, aus welchen
7 Wolters, Der Deutsche V, 1. _,_