So sieht man an allen freien Stellen zwischen den Wäldern die Luft undjeden Winkel der Erde in fortwährender Bewegung und Veränderung, alleszieht unwillkürlich nach Süden hin und unwillkürlich keimt in dem, der dieseziehenden Stimmen überall verfolgen muß, das Gefühl auf, daß im Nordenauch für den Menschen keines natürlichen Bleibens sei.Wenn in den zerstreuten, weitschweifigen Zügen der Singvögel und inihren vereinzelten, wenn auch ununterbrochen nach allen Richtungen hör-baren Stimmen noch eine Art von Absichtlichkeit, ein scheinbares Bedürfnisdes Zusammenhaltens auf der weiten Reise erscheint, so treten die Zügeder Strandvögel dagegen wie in einer unheimlichen Willenlosigkeit auf. Stelltman sich ans Ufer der Flüsse und Seen hin, so sieht man nach Zwischen-pausen von wenigen Minuten dichtgedrängte Massen geräuschlos, eilig undstumm, wie von einer unsichtbaren Gewalt aneinander gekettet und getrieben,vorüberziehen, an irgendeiner flachen Stelle des Ufers niederfallen, etlicheAugenblicke stumm und emsig nach Nahrung suchen und dann wieder miteinem Moment sich erheben und weiter ziehen. Oft sieht man Schwärme,die man auf mehrere Hunderte bis zu Tausenden von Individuen schätzenkann, so dichtgeschlossen vorüberfliegen, daß sie im eigentlichen Sinne dieLuft verfinstern. Diese Züge dauern vom frühen Morgen bis tief in die Nacht,und noch in der Nacht hört man die einzelnen Stimmen nach allen Seitenhin ertönen. (J. H. Blasius, Reise im Europäischen Rußland, 1844.)
JAHRESZEITEN IN DER STEPPE
Seit der Entdeckung des neuen Kontinents sind die Ebenen (Llanos) demMenschen bewohnbar geworden. Um den Verkehr zwischen der Küste undder Guyana (dem Orinocolande) zu erleichtern, sind hier und da Städte anden Steppenflüssen erbaut. Überall hat Viehzucht in dem unermeßlichenRäume begonnen. Tagereisen voneinander entfernt liegen einzelne mit Rinds-fellen gedeckte, aus Schilf und Riemen geflochtene Hütten. Zahllose Scharenverwilderter Stiere, Pferde und Maulesel (man schätzte sie zur friedlichenZeit meiner Reise noch auf anderthalb Millionen Köpfe) schwärmen in derSteppe umher. Die ungeheure Vermehrung dieser Tiere der alten Welt istum so bewundernswürdiger, je mannigfaltiger die Gefahren sind, mit denensie in diesen Erdstrichen zu kämpfen haben.
Wenn unter dem senkrechten Strahl der niebewölkten Sonne die verkohlteGrasdecke in Staub zerfallen ist, klafft der erhärtete Boden auf, als wäre ervon mächtigen Erdstößen erschüttert. Berühren ihn dann entgegengesetzteLuftströme, deren Streit sich in kreisender Bewegung ausgleicht, so gewährtdie Ebene einen seltsamen Anblick. Als trichterförmige Wolken, die mit ihrenSpitzen an der Erde hingleiten, steigt der Sand dampfartig durch die luft-dünne, elektrisch geladene Mitte des Wirbels empor: gleich den rauschendenWasserhosen, die der erfahrene Schiffer fürchtet. Ein trübes, fast stroh-farbiges Halblicht wirft die nun scheinbar niedrigere Himmelsdecke auf dieverödete Flur. Der Horizont tritt plötzlich näher. Er verengt die Steppe,wie das Gemüt des Wanderers. Die heiße, staubige Erde, welche im nebel-
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