zieht die Lüfte der mit afrikanischer Glut geschwängerte Scirocco. Vor ihm▼erbirgt sich jedes lebende Wesen. Die letzte Kraft schwindet aus Markund Beinen, und Schweißtropfen treten aus allen Poren hervor. Erlösungbringt erst der Oktober. Da ist es, als feire die Natur im Verein mit ihrem Herrn,dem Menschen, alljährlich ein Fest der Auferstehung. Reiche Regengüssetränken das ausgebrannte Erdreich. Aus wiederbelebten Wurzeln keimt einneues Leben. Wie von unsichtbarer Hand gepflegt, bedeckt der grüne Tep-pich die Oberfläche des Bodens. Auf den saftigen zarten Futterkräutern perltim Sonnenschein der Tau der Nacht. Der frohe Gesang von tausend Vögelnertönt in der weiten, stillen Ebene. Von den Bergen kehren die Herden zu-rück. Städte und Pachthöfe sehen ihre alten Bewohner wieder. Wie dieNatur, so hüllt sich auch der Mensch in sein Feierkleid. In der Wonne derOktoberfreuden feiert der Römer, unter dem Rhythmus des Tamburins undden scharfen schneidenden Weisen des einheimischen Gesanges, den Siegüber die Gefahren seines schlimmsten Feindes, des Sommers. (Gerlach undBachofen, Die Geschichte der Römer, 1851.)
ABEND IN MOLA
Kurz vor Sonnenuntergang kamen wir am Himmelfahrtstag in Mola an.Der eingeborene Dian war ebenso überwunden von der grünenden Herrlich-keit, die er lange nicht gesehen, wie ich, und ich glaub ihm noch nicht, daßes um Neapel schöner blühe und dufte. Ich ging gar nicht in die Stadt, denndie Sonne hing schon gegen das Meer. Um mich quillt der Blumenrauchaus Zitronenwäldern und Jasmin- und Narzissenauen — zu meiner Linkenwirft der blaue Apennin seine Quellen von Berg zu Berg, und zu meinerRechten dringt das gewaltige Meer an die gewaltige Erde an, und die Erdestreckt den festen Arm aus und hält eine glänzende Stadt, mit Gärten be-hangen, weit ins Wogengewimmel hinein — und ins unergründliche Meersind hohe Inseln als unergründliche Berge hineingeworfen — tief im Südenund Osten greift ein schimmerndes Nebelland, die Küste von Sorrento, wieein gekrümmter Jupitersarm, um das Meer, und hinter dem fernen Neapelsteht der Vesuvius mit einer Wolke im Himmel unter dem Mond.
„Fall auf deine Knie, Glückseliger (sagte Dian) vor der kostbaren Weite 1"O Gott, warum nicht ernstlich es tun ? Wer kann denn im Abendscheine dasungeheuere Wellenreich anschauen, wie dort das Regen sich in der Fernestillt und nur glänzt und endlich blau und golden mit dem Himmel ver-schwebt, und wie hier die Erde das weiche schwebende Feuer mit ihren langenLändern in einen rosigen festen Erdschatten einschließet, wer kann denFeuerregen des unendlichen Lebens, den webenden Zauberkreis aller Kräfteim Wasser, im Himmel, auf der Erde erblicken, ohne niederzuknien vordem unendlichen Naturgeiste und zu sagen: wie bist du mir so nahe, Unaus-sprechlicher! — O, hier ist er in der Nähe und Ferne, die Seligkeit und dieHoffnung schimmert von der Nebelküste her und auch aus den nahen Quellen,die das Gebirge in das Meer heruntergießt, und in der weißen Blüte übermeinem Haupt. O, rufet denn nicht diese Sonne, von brennenden Wellen
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