umfangenen Erdfläche, das Steinreich aber gleichet, wenn es seine vollkom-mensten und schönsten Gestalten entfaltet, jenem Baume, dessen Knospeneinen noch nicht vorhandenen, aber nahen Frühling verkünden, und gleich derFeige entfaltet es die Blüte in dem verhüllten Innern. Es wird daher ein Freunddieser gedankenvoll messenden und berechnenden Naturgewalt ihren Fuß-tritten am meisten zum Beispiel in jenen aus der frühesten Vorwelt aufge-sparten Kristallkellern begegnen, die sich an den steilen Wandungen derAlpen als weiße Adern verraten, und die meisten und vorzüglichsten kristalli-sierten Gesteine finden sich in den inneren Klüften und Gangräumen der Ge-birge. (Gotthilf Heinrich Schubert, Allgemeine Naturgeschichte, 1826.)
DER GRANIT
Der Granit war in den ältesten Zeiten schon eine merkwürdige Steinart undist es zu den unsrigen noch mehr geworden. Die Alten kannten ihn nicht unterdiesem Namen. Sie nannten ihn Syenit von Syene, einem Orte an den Grenzenvon Äthyopien. Die ungeheuren Massen dieses Steines flößten Gedanken zuungeheuren Werken den Ägyptiern ein. Ihre Könige errichteten der Sonne zuEhren Spitzsäulen aus ihm, und von seiner rotgesprengten Farbe erhielt er inder Folge den Namen des Feurigbunten. Noch sind die Sphinxe, die Memnons-bilder, die ungeheuren Säulen die Bewunderung der Reisenden, und noch amheutigen Tage hebt der ohnmächtige Herr von Rom die Trümmer eines altenObelisken in die Höhe, die seine allgewaltigen Vorfahren aus einem fremdenWeltteile ganz herüberbrachten.
Die Neuern gaben dieser Gesteinart den Namen, den sie jetzt trägt von ihremkörnigten Ansehen, und sie mußte in unsern Tagen erst einige Augenblickeder Erniedrigung dulden, ehe sie sich zu dem Ansehen, in dem sie nun bei allenNaturkundigen steht, emporhob. Die ungeheuren Massen jener Spitzsäulenund die wunderbare Abwechslung ihres Kornes verleiteten einen italienischenNaturforscher zu glauben, daß sie von den Ägyptiern durch Kunst aus einerflüssigen Masse zusammengehäuft seien.
Aber diese Meinung verwehte geschwind, und die Würde dieses Gesteins wurdevon vielen trefflich beobachtenden Reisenden endlich befestigt. Jeder Weg inunbekannte Gebirge bestätigte die alte Erfahrung, daß das Höchste und dasTiefste Granit sei, daß diese Steinart, die man nun näher kennen und von an-deren unterscheiden lernte, die Grundfeste unserer Erde sei, worauf sich alleübrigen mannigfaltigen Gebirge hinaufgebildet. In den innersten Einge-weiden der Erde ruht sie unerschüttert, ihre hohen Rücken steigen empor, derenGipfel nie das alles umgebende Wasser erreichte. Soviel wissen wir von die-sem Gesteine und wenig mehr. Aus bekannten Bestandteilen, auf eine geheim-nisreiche Weise zusammengesetzt, erlaubt es ebenso wenig seinen Ursprungaus Feuer wie aus Wasser herzuleiten. Höchst mannigfaltig in der größtenEinfalt wechselt seine Mischung ins Unzählige ab. Die Lage und das Verhält-nis seiner Teile, seine Dauer, seine Farbe ändert sich mit jedem Gebirge, unddie Massen eines jeden Gebirges sind oft von Schritt zu Schritte wieder in sichunterschieden und im Ganzen doch wieder immer einander gleich. Und so
56