Von dem Menschen haben wir wenig zu sagen, denn er trennt sich ganzvon der allgemeinen Naturlehre los, in der wir jetzt eigentlich wandeln.Auf des Menschen Inneres ist so viel verwandt, daß seine Oberfläche nursparsamer begabt werden konnte.
Wenn man nimmt, daß schon unter der Haut die Tiere mit Interkutanmuskelnmehr belastet als begünstigt sind, wenn man sieht, daß gar manches Über-flüssige nach außen strebt, wie zum Beispiel die großen Ohren und Schwänze,nicht weniger die Haare, Mähnen, Zotten: so sieht man wohl, daß die Naturvieles abzugeben und zu verschwenden hatte.
Dagegen ist die Oberfläche des Menschen glatt und rein und läßt, bei denvollkommensten, außer wenigen mit Haar mehr gezierten als bedecktenStellen, die schöne Form sehen: denn im Vorbeigehen sei es gesagt, ein Über-fluß der Haare an Brust, Armen, Schenkeln deutet eher auf Schwäche alsauf Stärke, wie denn wahrscheinlich nur die Poeten, durch den Anlaß einerübrigens starken Tiernatur verführt, mitunter solche haarige Helden zuEhren gebracht haben.
Doch haben wir hauptsächlich an diesem Ort von der Farbe zu reden. Undso ist die Farbe der menschlichen Haut in allen ihren Abweichungen durch-aus keine Elementarfarbe, sondern eine durch organische Kochung höchstbearbeitete Erscheinung.
Daß die Farbe der Haut und Haare auf einen Unterschied der Charakteredeute, ist wohl keine Frage, wie wir ja schon einen bedeutenden Unterschiedan blonden und braunen Menschen gewahr werden, wodurch wir auf dieVermutung geleitet worden, daß ein oder das andere organische System vor-waltend eine solche Verschiedenheit hervorbringe. Ein Gleiches läßt sichwohl auf Nationen anwenden, wobei vielleicht zu bemerken wäre, daß auchgewisse Farben mit gewissen Bildungen zusammentreffen, worauf wir schondurch die Mohrenphysiognomien aufmerksam geworden.Übrigens wäre wohl hier der Ort, der Zweiflerfrage zu begegnen, ob dennnicht alle Menschenbildung und Farbe gleich schön und nur durch Gewohn-heit und Eigendünkel eine der anderen vorgezogen werde. Wir getrauen unsaber in Gefolg alles dessen, was bisher vorgekommen, zu behaupten, daßder weiße Mensch, das heißt derjenige, dessen Oberfläche vom Weißen insGelbliche, Bräunliche, Rötliche spielt, kurz, dessen Oberfläche am gleich-gültigsten erscheint, am wenigsten sich zu irgend etwas Besonderem hin-neigt, der schönste sei. Und so wird auch wohl künftig, wenn von der Formdie Rede sein wird, ein solcher Gipfel menschlicher Gestalt sich vor das An-schauen bringen lassen, nicht als ob diese alte Streitfrage hierdurch für immerentschieden sein sollte: denn es gibt Menschen genug, welche Ursache haben,diese Deutsamkeit des Äußern in Zweifel zu setzen, sondern daß dasjenigeausgesprochen werde, was aus einer Folge von Beobachtungen und Urteileinem Sicherheit und Beruhigung suchenden Gemüte hervorspringt. (Goethe,Zur Farbenlehre, 1810.)
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