Druckschrift 
3 (1926) Die Neuzeit im deutschen Bereich
Entstehung
Seite
390
Einzelbild herunterladen
 

ist in sich selbst genüglich. Sogar seine eignen Goldbergwerke hat Sina unter-sagt, weil es aus Gefühl seiner Schwäche sie nicht zu nutzen getraute, derauswärtige Sinesische Handel ist ganz ohne Unterjochung fremder Völker. Beidieser kargen Weisheit haben alle diese Länder sich den unleugbaren Vor-teil verschafft, ihr Inneres desto mehr nutzen zu müssen, weil sie es wenigerdurch äußeren Handel ersetzten. Wir Europäer dagegen wandeln als Kauf-leute oder als Räuber in der ganzen Welt umher und vernachlässigen oft dasUnsrige darüber; die Britannischen Inseln selbst sind lange nicht wie Japanund Sina gebauet. Unsre Staatskörper sind also Tiere, die unersättlich amFremden, Gutes und Böses, Gewürze und Gift, Kaffee und Tee, Silber undGold verschlingen und in einem hohen Fieberzustand viel angestrengte Leb-haftigkeit bewiesen; jene Länder rechnen nur auf ihren inwendigen Kreis-lauf. Ein langsames Leben, wie der Murmeltiere, das aber eben deswegenlange gedauert hat und noch lange dauern kann, wenn nicht äußere Umständedas schlafende Tier töten. Nun ists bekannt, daß die Alten in allem auflängere Dauer rechneten, wie in ihren Denkmalen, so auch in ihren Staats-gebäuden; wir wirken lebhaft und gehen vielleicht um so schneller die kurzenLebensalter durch, die auch uns das Schicksal zumaß.

Endlich kommt es bei allen irdischen und menschlichen Dingen auf Ort undZeit sowie bei den verschiedenen Nationen auf ihren Charakter an, ohne wel-chen sie nichts vermögen. Läge Ost-Asien uns zur Seite, es wäre lange nichtmehr, was es war. Wäre Japan nicht die Insel, die es ist: so wäre es nicht,was es ist, worden. Sollten sich die Reiche allesamt jetzt bilden: so würden sieschwerlich werden, was sie vor drei, vier Jahrtausenden wurden; das ganzeTier, das Erde heißt und auf dessen Rücken wir wohnen, ist jetzt Jahrtausendeälter. Wunderbare, seltsame Sache überhaupt ists um das, was genetischerGeist und Charakter eines Volkes heißet. Er ist unerklärlich und unauslösch-lich: so alt wie die Nation, so alt wie das Land, das sie bewohnte. Der Bra-mane gehört zu seinem Weltstrich, kein anderer, glaubt er, ist seiner heiligenNatur wert. So der Sinese und Japaner, allenthalben außer seinem Landeist er eine unzeitig verpflanzte Staude. Was der Einsiedler Indiens sich anseinem Gott, der Sinese sich an seinem Kaiser denkt, denken wir uns nichtan demselben; was wir für Wirksamkeit und Freiheit des Geistes, für männ-liche Ehre und Schönheit des Geschlechts schätzen, denken sich jene weitanders. Die Eingeschlossenheit der indischen Weiber wird ihnen nicht un-erträglich, der leere Prunk eines Mandarinen wird jedem andern als ihm einsehr kaltes Schauspiel dünken. So ists mit allen Gewohnheiten der viel-gestaltigen menschlichen Form, ja mit allen Erscheinungen auf unsrer rundenErde. Wenn unser Geschlecht bestimmt ist, auf dem ewigen Wege einerAsymptote sich einem Punkt der Vollkommenheit zu nähern, den es nichtkennt und den es mit aller tantalischen Mühe nie erreichet: ihr Sinesen undJapanesen, ihr Lamas und Bramanen, so seid ihr auf dieser Wallfahrt in einerziemlich ruhigen Ecke des Fahrzeuges. Ihr laßt euch den unerreichbaren Punktnicht kümmern und bleibt, wie ihr vor Jahrtausenden wäret. (Herder, Ideenzur Philosophie der Geschichte der Menschheit, 1784/1791.)

390