Druckschrift 
3 (1926) Die Neuzeit im deutschen Bereich
Entstehung
Seite
376
Einzelbild herunterladen
 

seine Diener nannten. Wenn zwar das Volk noch nicht, sondern zunächst derBegriff des Staates die Person des absoluten Fürsten überwunden hatte, ob-wohl dieser Begriff selbst erst durch das Bild der absoluten persönlichen Ma-jestät seine neue Einheit gewonnen hatte, so zeigte doch der veränderteZweck des aufgeklärten Staates, der weit unter den formalen, im Weltganzenruhenden Zweck der absoluten Monarchie herabsank, nämlich die Wohl-fahrt der Einzelnen, durch deren Anerkennung der aufgeklärte Monarchsich selbst beschränkte, mit voller Deutlichkeit, daß die Wurzeln dieses Be-griffes im Volke lagen. So bedeutet der aufgeklärte Despotismus nicht dieletzte Erhöhung des absoluten Königtums, sondern den Übergang zu dendemokratischeren Staatsformen unserer Zeit. Daß die Idee der absolutenMonarchie so schnell zugrunde ging, lag in der doppelten Gegnerschaft von Volkund Kirche. Sie vermochte weder das Maß von Herrschaftsanspruch, das mit derZerstörung der mittelalterlichen Welt in das Volk als in eine Summe von un-unterschiedenen, mit gleichen Rechten ausgestatteten Einzelnen gesunkenwar, wieder an sich zu ziehen und es auf religiöser oder rationaler Grund-lage in einem einheitlichen Weltbilde der unumschränkten Einzelherrschaftaufzulösen, noch die Macht der Kirche, deren Unterordnung unter die welt-liche Gewalt alle Theorien aus dem Wesen der vollkommenen Souveränitätfolgerten, in den katholischen Ländern in der alten Form der römischen Kircherein auf das geistliche Gebiet zu beschränken, noch weniger sie durch dieinnerlich geforderte Ausbildung einer staatlich-nationalen Kirche völlig ausden politischen Grenzen zu drängen oder sie in den protestantischen Ländern,wo die Möglichkeit einer einheitlichen Form, wie es eingangs erwähnt wurde,gegeben war, den Händen und Herzen des Volkes oder der Einzelnen ganzzu entreißen und zu einem zwingenden Rechte der Majestät zu machen,die also nach Willkür den staatlichen Kult einsetzen oder ändern könnte,sondern alle Versuche, die Kirchen der fürstlichen Souveränität zu unterwerfen,scheiterten, und die Idee des absoluten Königtums bescheidet sich, indem siesich zum Diener der alten Einheit der Kirche macht oder unter der Maske derDuldung den einzelnen Individuen und den Genossenschaften im Staate ihrereligiösen Rechte läßt, um zuletzt ihrer selbst unwissend im aufgeklärtenDespotismus sich in die irreligiösen Strömungen zu verlieren, welche ebensowie die Lehren von der Souveränität des Volkes den Quellen der Natur und derVernunft entflossen und im Konvent des Volkes und im Kultus der Vernunftihr Ende nahmen. (Friedrich Wolters, Über die theoretische Begründungdes Absolutismus im siebzehnten Jahrhundert, 1908.)

SCHRECKENSHERRSCHAFT AUS NATIONALER NOT

Der Krieg von 1793 begann unglücklich für die Republik. Man mußte Du-mourier entsetzen, man wurde aus den Niederlanden gedrängt, Conde fiel,Valenciennes wurde eingeschlossen, die Engländer und Holländer bedrohtenDünkirchen, am Rhein siegten die deutschen Heere, Mainz fiel in ihre Gewalt,Landau ward eingeschlossen, auch an den Alpen, den Pyrenäen erlitt manVerluste. Während die Empörung in Domingo weiter wütete, nahmen eng-

376