Druckschrift 
3 (1926) Die Neuzeit im deutschen Bereich
Entstehung
Seite
346
Einzelbild herunterladen
 

DAS EUROPÄISCHE GLEICHGEWICHT

Zuvörderst und vor allen Dingen: Die ersten, ursprünglichen und wahrhaftnatürlichen Grenzen der Staaten sind ohne Zweifel ihre innern Grenzen. Wasdieselbe Sprache redet, das ist schon vor aller menschlichen Kunst vorherdurch die bloße Natur mit einer Menge von unsichtbaren Banden aneinander-geknüpft, es versteht sich untereinander und ist fähig, sich immerfort klarerzu verständigen, es gehört zusammen und ist natürlich eins und ein unzer-trennliches Ganzes. Ein solches kann kein Volk anderer Abkunft und Sprachein sich aufnehmen und mit sich vermischen wollen, ohne wenigstens fürserste sich zu verwirren und den gleichmäßigen Fortgang seiner Bildung mächtigzu stören. Aus dieser innern, durch die geistige Natur des Menschen selbstgezogenen Grenze ergibt sich erst die äußere Begrenzung der Wohnsitze alsdie Folge von jener, und in der natürlichen Ansicht der Dinge sind keines-wegs die Menschen, welche innerhalb gewisser Berge und Flüsse wohnen,in deswillen Ein Volk, sondern umgekehrt wohnen die Menschen beisammenund, wenn ihr Glück es so gefügt hat, durch Flüsse und Berge gedeckt, weil sieschon früher durch ein weit höheres Naturgesetz Ein Volk waren.So saß die deutsche Nation, durch gemeinschaftliche Sprache und Denkartsattsam unter sich vereinigt und scharf genug abgeschnitten von den andernVölkern, in der Mitte von Europa da als scheidender Wall nicht verwandterStämme, zahlreich und tapfer genug, um ihre Grenzen gegen jeden fremdenAnfall zu schützen, sich selbst überlassen, durch ihre ganze Denkart weniggeneigt, Kunde von den benachbarten Völkerschaften zu nehmen, in der-selben Angelegenheiten sich zu mischen und durch Beunruhigungen sie zurFeindseligkeit aufzureizen. Im Verlaufe der Zeiten bewahrte sie ihr günstigesGeschick zunächst vor dem unmittelbaren Anteile am Raube der andernWelten, dieser Begebenheit, durch welche vor allen andern die Weise der Fort-entwicklung der neuern Weltgeschichte, die Schicksale der Völker und dergrößte Teil ihrer Begriffe und Meinungen begründet worden sind. Seit dieserBegebenheit erst zerteilte sich das christliche Europa, das vorher auch ohnesein eigenes deutliches Bewußtsein eins gewesen war und als solches ingemeinschaftlichen Unternehmungen sich gezeigt hatte, in mehrere abge-sonderte Teile, seit jener Begebenheit erst war eine gemeinschaftlicheBeute aufgestellt, nach der jeder auf die gleiche Weise begehrte, weil alle sieauf die gleiche Weise brauchen konnten, und die jeder mit Eifersucht in denHänden des andern erblickte; erst nun war ein Grund vorhanden zu geheimerFeindschaft und Kriegslust aller gegen alle. Auch wurde es nun erst zumGewinne für Völker, Völker auch anderer Abkunft und Sprachen durch Er-oberung oder, wenn dies nicht möglich wäre, durch Bündnisse sich einzu-verleiben und ihre Kräfte sich zuzueignen. Ein der Natur treu gebliebenesVolk kann, wenn seine Wohnsitze ihm zu enge werden, dieselben durch Er-oberung des benachbarten Bodens erweitern wollen, um mehr Raum zu ge-winnen, und es wird sodann die früheren Bewohner vertreiben; es kann einenrauhen und unfruchtbaren Himmelsstrich gegen einen mildern und geseg-netem vertauschen wollen, und es wird in diesem Falle abermals die frühern

346