Die Weichlichkeit, mit der Friedrich Wilhelm IV. unter dem Drucke un-berufener, vielleicht verräterischer Ratgeber, gedrängt durch weibliche Tränen,das blutige Ergebnis in Berlin, nachdem es siegreich durchgeführt war, da-durch abschließen wollte, daß er seinen Truppen befahl, auf den gewonnenenSieg zu verzichten, hat für die weitere Entwicklung unsrer Politik zunächstden Schaden einer versäumten Gelegenheit gebracht. Ob der Fortschritt eindauernder gewesen sein würde, wenn der König den Sieg seiner Truppen fest-gehalten und ausgenutzt hätte, ist eine andere Frage. Der König würde dannallerdings nicht in der gebrochenen Stimmung gewesen sein, in der ich ihnwährend des Zweiten Vereinigten Landtags gefunden habe, sondern in demdurch den Sieg gestärkten Schwünge der Beredsamkeit, die er bei Gelegen-heit der Huldigung 1840, in Köln 1842 und sonst entwickelt hatte. Ich wagekeine Vermutung darüber, welche Einwirkung auf die Haltung des Königs,die Romantik mittelalterlicher Reichserinnerungen Österreich und den Für-sten gegenüber und das vorher und später so starke fürstliche Selbstgefühlim Inlande das Bewußtsein geübt haben würde, den Aufruhr definitiv nieder-geschlagen zu haben, der ihm gegenüber allein siegreich blieb im außerrussi-schen Kontinent. Eine auf dem Straßenpflaster erkämpfte Errungenschaftwäre von andrer Art und von minderer Tragweite gewesen, als die später aufdem Schlachtfeld gewonnene. Es ist vielleicht für unsre Zukunft besser ge-wesen, daß wir die Irrwege in der Wüste innerer Kämpfe von 1848 bis 1866wie die Juden, bevor sie das gelobte Land erreichten, noch haben durch-machen müssen. Die Kriege von 1866 und 1870 wären uns doch schwerlicherspart worden, nachdem unsre 1848 zusammengebrochenen Nachbarn inAnlehnung an Paris, Wien und anderswo sich wieder ermutigt und gekräftigthaben würden. Es ist fraglich, ob auf dem kürzeren und rascheren Wegedes Märzsieges von 1848 die Wirkung der geschichtlichen Ereignisse auf dieDeutschen dieselbe gewesen sein würde, wie die heute vorhandene, die denEindruck macht, daß die Dynastien, und gerade die früher hervorragendpartikularistischen, reichsfreundlicher sind als die Fraktionen und Parteien.(Bismarck, Gedanken und Erinnerungen, 1898.)
DER MARXISMUS
Im Marxismus mischten sich alle Strebungen der zu Gesellschaft und Ge-nossenschaft drängenden gedanklichen Utopien, Philosopheme und der un-mittelbar zweckhaften Kampf- und Arbeitsverbände des Proletariats, abernicht minder die seit Renaissance und Reformation und stärker seit der Auf-klärung im Gegensatze des Geistes mit ihnen verbundenen individuellen Stre-bungen des revolutionären Bürgertums zur Umwandlung und Auflösung derchristlich-feudalen Gesellschaft, ja, des gesamten christlichen Weltbildes. DerMarxismus verengerte freilich die ganze weltumfassende geistige Problem-stellung der letzten Jahrhunderte auf die materielle des Klassenkampfesder Besitzenden und Nichtbesitzenden, des Bürgertums und des Proletariats,vereinfachte die eben im deutschen Idealismus gewonnene Vorstellung vonder schicksalhaften Macht der Geschichte auf das eine ökonomische Zwangs-
34 Wolters, Der Deutsche. 111,3. „