MICHEL ODER SIEGFRIED?
Der große Narr ist ein sehr großer Narr, riesengroß, und er nennt sich deutschesVolk.
O, das ist ein sehr großer Narr! Seine buntscheckige Jacke besteht aus sechs-unddreißig Flicken. An seiner Kappe hängen statt der Schellen lauter zentner-schwere Kirchenglocken, und in der Hand trägt er eine ungeheure Pritschevon Eisen. Seine Brust aber ist voll Schmerzen. Nur will er an diese Schmerzennicht denken, und er reißt deshalb um so lustigere Possen, und er lacht manch-mal, um nicht zu weinen. Treten ihm seine Schmerzen allzu brennend inden Sinn, dann schüttelt er wie toll den Kopf und betäubt sich selber mit demchristlich frommen Glockengeläute seiner Kappe. Kommt ein guter Freundzu ihm, der teilnehmend über seine Schmerzen mit ihm reden will oder garihm ein Hausmittelchen dagegen anrät, dann wird er rein wütend und schlägtnach ihm mit der eisernen Pritsche. Er ist überhaupt wütend gegen jeden,der es gut mit ihm meint. Er ist der schlimmste Feind seiner Freunde undder beste Freund seiner Feinde.
Habt ihr nicht wenigstens Furcht, daß er einmal in seinem humoristischenGeschwätze, aus eitel Narretei, das furchtbare, gewaltige Beschwörungswortausspricht und so unversehens die große Umwandlung beginnt, und er selberplötzlich, der Narr, selbst entzaubert, in seiner urschönen blonden Helden-gestalt, mit seinen großen blauen Augen, vor euch steht, statt der buntenJacke den Purpur um die Schulter, in der Hand, statt der Pritsche, das sou-veräne Schwert! (Heinrich Heine, Französische Zustände, 1832.)
BARBAROSSA UND NAPOLEON
Als vor länger denn zehn Jahren der berühmteste Kaiser der neueren Zeitauf einer fernen Insel verstorben war und die Kunde davon nach Europakam, wollten die Leute nicht recht an seinen Tod glauben, und es kam einGeschrei aus, daß er in der Türkei wäre erblickt worden. Zwei Männer aberhaben auf dem Kyffhäuser eine Gestalt gesehen in grauem Mantel, einen klei-nen dreieckigen Hut auf dem Kopf, mit fahlem Gesicht und blitzenden Augen,die sei durch die Trümmer geschritten und verschwunden. Darauf sei eingewaltiger Klang aus der Tiefe erschollen, wie von Schwertern und hellenErzen, daß der Berg erzittert und ein Stück der Kapelle vollends eingestürzt.Seitdem sei der Rotbart erlöst und an seiner Stelle sitze träumend und sinnendNapoleon. (Sagenschatz des Thüringer Landes, 1835/1838.)
BISMARCK ÜBER DIE LAGE 1848
Die Frage der deutschen Einheit war in den letzten beiden Jahrzehntenunter Friedrich Wilhelm III. nur in Gestalt der burschenschaftlichen Stre-bungen und deren strafrechtlicher Repression in die äußere Erscheinung ge-treten. Friedrich Wilhelms IV. deutsches, oder wie er schrieb, „teutsches"Nationalgefühl war gemütlich lebhafter wie das seines Vaters, aber durch mittel-
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