Druckschrift 
3 (1926) Die Neuzeit im deutschen Bereich
Entstehung
Seite
325
Einzelbild herunterladen
 

Sieht auch der Bau, an dem mein Geist schon drei Jahrhunderte gebaut,in der Anlage einem Wirtschaftsgebäude gleich, und hat der Satan manchenStein dazu herbeigeschleppt, er wird doch zuletzt ein Gotteshaus.Jung ist freilich noch die Freiheit und weiß sich nicht zu lassen, die Willküraber, grau und altersschwach, weiß zwischen Sein und Nichtsein nicht dieschwere Wahl zu treffen. Vergangen ist noch nicht das Alte und das Neuenoch nicht jung geworden, ungar ist die Masse, und schwer fließend kannsie nirgend zum reinen Gusse sich gestalten. Darum ist alles nur ein Zischenund ein Streiten, ein Gestalten und Zerfließen, ein Bilden und Zerstören, undich muß immer wachen, daß das Feuer nicht erkalte und das Sieden raschvonstatten gehe.

Darum ist mein ganzes Sein nur ein einziger Widerspruch; da Zug und Triebder inneren Kräfte nachgelassen, ist das alte Chaos in der Gesellschaft zurück-gekehrt, und dem alten Schöpfer bin ich, ein furchtbarer Zerstörer, nach-gefolgt. Aber aus dem Tode allein kann das Leben keimen; hat doch auchdie bildende Weltkraft, als sie im Hermesbecher die Elemente zuerst gemischt,und nun brausend, gährend, zischend, donnernd die Kräfte durcheinander-fuhren, erst in viel mißlungenen Schöpfungen, die die Berge jetzt beschließen,sich versucht, ehe sie das rechte Maß in ihrem Gebild getroffen. Darum fordrenicht von mir, daß ich gleich im ersten Wurf ein Bleibendes gestalte, die Zu-kunft magst du nur nach meinem Werke fragen. (Görres, Deutschland unddie Revolution, 1819.)

ERMAHNUNG AN DIE BESIEGTEN 1807

Tief verächtlich machen wir uns dem Auslande, wenn wir vor den Ohren des-selben uns, einer dem andern, deutsche Stämme, Stände, Personen, über unsergemeinschaftliches Schicksal anklagen und einander gegenseitige bittere undleidenschaftliche Vorwürfe machen. Zuvörderst sind alle Anklagen dieser Artgrößtenteils unbillig, ungerecht, ungegründet. Die Ursachen, die Deutsch-lands letztes Schicksal herbeigeführt haben, sind seit Jahrhunderten bei allendeutschen Stämmen ohne Ausnahme auf die gleiche Weise einheimisch ge-wesen. Die letzten Ereignisse sind nicht die Folgen irgendeines besonderenFehltrittes eines einzelnen Stammes oder seiner Regierung, sie haben sich langegenug vorbereitet und hätten, wenn es bloß auf die in uns selbst liegendenGründe angekommen wäre, schon vor langem uns ebensowohl treffen können.Hierin ist die Schuld oder Unschuld aller wohl gleichgroß, und die Berechnungist nicht wohl mehr möglich. Bei der Herbeieilung des endlichen Erfolgs hatsich gefunden, daß die einzelnen deutschen Staaten nicht einmal sich selbst,ihre Kräfte und ihre wahre Lage kannten: wie könnte denn irgendeiner sichanmaßen, aus sich selbst herauszutreten und über fremde Schuld ein aufgründliche Kenntnis sich stützendes Endurteil zu fällen?Mag es sein, daß über alle Stämme des deutschen Vaterlandes hinweg einengewissen Stand ein gegründeterer Vorwurf trifft, nicht, weil er eben auch nichtmehr eingesehen oder vermocht als die andern alle, was eine gemeinschaft-liche Schuld ist, sondern weil er sich das Ansehen gegeben, als ob er mehr

325