Daß nun die Konstruktion der wesentlichen Hauptresultate der Geisteswissen-schaften mehr oder weniger gut gelang, war immer noch kein Beweis für dieRichtigkeit der Identitätshypothese, von der Hegels Philosophie ausging. Eswären im Gegenteil die Tatsachen der Natur das entscheidende Prüfungs-mittel gewesen. Daß in den Geisteswissenschaften sich die Spuren der Wirk-samkeit des menschlichen Geistes und seiner Entwicklungsstufen wieder-finden mußten, war selbstverständlich. Wenn aber die Natur das Resultatder Denkprozesse eines ähnlichen schöpferischen Geistes abspiegelte, so mußtensich die verhältnismäßig einfacheren Formen und Vorgänge der Natur um soleichter dem Systeme einordnen lassen. Aber hier gerade scheiterten dieAnstrengungen der Identitätsphilosophie, wir dürfen wohl sagen, vollständig.Hegels Naturphilosophie erschien, den Naturforschern wenigstens, absolutsinnlos. Von den vielen ausgezeichneten Naturforschern jener Zeit fand sichnicht ein einziger, der sich mit den Hegeischen Ideen hätte befreunden können.Da andererseits es für Hegel von besonderer Wichtigkeit war, gerade in diesemFelde sich Anerkennung zu erfechten, die er anderwärts so reichlich gefundenhatte, so folgte eine ungewöhnlich leidenschaftliche und erbitterte Polemikvon seiner Seite, die namentlich gegen Newton, als den ersten und größtenRepräsentanten der wissenschaftlichen Naturforschung, gerichtet war. DieNaturforscher wurden von den Philosophen der Borniertheit geziehen, dieletzteren von den ersteren der Sinnlosigkeit. Die Naturforscher fingen nunan, ein gewisses Gewicht darauf zu legen, daß ihre Arbeiten ganz frei von allenphilosophischen Einflüssen gehalten seien, und es kam bald dahin, daß vielevon ihnen, und zwar selbst Männer von hervorragender Bedeutung, allePhilosophie nicht nur als unnütz, sondern selbst als schädliche Träumerei ver-dammten. Wir können nicht leugnen, daß hierbei mit den ungerechtfertigtenAnsprüchen, welche die Identitätsphilosophie auf Unterordnung der übrigenDisziplinen erhob, auch die berechtigten Ansprüche der Philosophie, nämlichdie Kritik der Erkenntnis quellen auszuüben und den Maßstab der geistigenArbeit festzustellen, über Bord geworfen wurden.
In den Geisteswissenschaften war der Verlauf ein anderer, wenn er auch schließ-lich ziemlich zu demselben Resultate führte. In allen Zweigen der Wissen-schaft, für Religion, Staat, Recht, Kunst, Sprache standen begeisterte An-hänger der Hegeischen Philosophie auf, welche jeder sein Gebiet im Sinne dieserLehre zu reformieren und schnell auf spekulativem Wege Früchte einzu-sammeln suchten, denen man sich bis dahin nur langsam durch langwierigeArbeit genähert hatte. So stellte sich eine Zeitlang ein schneidender undscharfer Gegensatz zwischen den Naturwissenschaften auf der einen und denGeisteswissenschaften auf der andern Seite her, wobei den ersteren nicht seltender Charakter der Wissenschaft ganz abgesprochen wurde.Freilich dauerte das gespannte Verhältnis in seiner ersten Bitterkeit nichtlange. Die Naturwissenschaften erwiesen vor jedermanns Augen durch eineschnell aufeinander folgende Reihe glänzender Entdeckungen und Anwen-dungen, daß ein gesunder Kern ungewöhnlicher Fruchtbarkeit in ihnen wohne,man konnte ihnen Achtung und Anerkennung nicht versagen. Und auch inden übrigen Gebieten des Wissens erhoben gewissenhafte Erforscher der Tat-
254