auch früher von Zeit zu Zeit hatten blicken lassen, aber niemals sehr geachtetworden waren. Aber jetzt waren ihrer viele, und die waren keck und unter-nehmend und zogen ihre Kreise und sprachen ihre Formeln, allerhand unver-ständliche Worte, und es entstand eine große Konfusion. Alte Marmorbilderstiegen von ihren Gestellen herunter und wandelten nackt durch die Straßen;wunderliche Träume der Mitternacht, in denen Himmel und Erde ineinander-laufen, von Äther, Dunst, Licht und Gold zusammengesetzt, liefen am hellenTage herum; die Bäume fingen an zu sprechen und die Kräuter und die Blumenzu singen, jede auf ihre Weise, und der Winde Brausen artikulierte sich unddas Murmeln der Quellen, und das Tote durchdrang eine ungefühlte Lebens-wärme, und es regte sich und empfand auf seine Art, und Luftgeister und Erd-geister trieben sichtbar sich in den Elementen umher. Bisher ungeseheneVögel flogen aus dem Süden herauf und brachten fremde seltsame Gesang-weisen mit, und die Echos in den Bergen sprachen alle fremden Sprachen.Die Kinder mußten den Alten ihre Märchen zum Spiele bringen, und die Erdeward durchsichtig und in ihren Tiefen erschien die alte Zeit in ihrer hohen,erhabenen Majestät, und alle ihre kolossalen Kinder um sie her, und wunder-bare Töne aus der alten Fabelwelt drangen aus dem Abgrunde herauf, und derHimmel klärte sich, und hellere Lichter wurden durch den Erdenschatten ge-tragen, und die großen Geister aller Zeiten sprachen und wurden aufgerufenund sammelten wärmend sich um den Lichtpunkt her. (Görres, Aurora, 1804.)
ROMANTISCHE UNIVERSALITÄT
Novalis, mehr durch germanische Poesie, Naturwissenschaft und durch dieEinsamkeit seines ehrwürdigen Gewerbes gebildet, beschloß, mit dem Geisteder Poesie alle Zeitalter, Stände, Gewerbe, Wissenschaften und Verhältnissedurchschreitend, die Welt zu erobern, fest überzeugt, wie Hyazinth im Mär-chen bei dem Lehrling zu Sais im innersten Heiligtume der Natur seine ersteLiebe wiederzufinden. Eben diese sichtbare, durch alle seine wunderbarenWerke hervorleuchtende Zuversicht, daß alle jene tausendfarbigen Erschei-nungen der Wissenschaft und Kunst mit ihren unendlichen Reflexen endlichin einem Brennpunkt zusammenstrahlen müßten und daß dieser auf die Stellehinfallen würde, auf der der Dichter steht, diese endliche, notwendige Ver-klärung der eigensten irdischen Gegenwart — erhebt Novalis über alle Freunde,die gemeinschaftlich mit ihm wirkten. Wie tolerant, wie vermittelnd im Kon-trast mit jenen weiß er die gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnissezu betrachten, wie prophetisch in den Fragmenten, die die Sammlung seinerWerke beschließen, den göttlichen Gedanken der Geschichte und des Lebens
grade durch kolossalische Bilder des Tumultes der Zeit zu verherrlichen.-------
Indes hat sich sein rastloses Leben zu frühe verzehrt, um selbst vollständigaussprechen zu können, was er gewollt hat. Fragmente, heilige, unerschöpf-lich sinnreiche Zeichen seiner großen Absichten hat er uns hinterlassen,in jedem Fragment außer seiner abgesonderten Bedeutung noch eine — i c "möchte sagen — organische Sehnsucht, mit den andern zusammenzufließen,in jedem Worte ein unsichtbares Verlangen, die andern zu ergreifen und so
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