fers. Das Organ, mit dem er der Welt gegenübertrat, war nicht mehr eineuniversale Kritik, die das Chaos der Welt durchschnitt und Spreu und Weizensonderte in Vernünftiges und Unvernünftiges, das heißt den moralisch ver-nünftigen Endzwecken Dienendes und Feindliches, sondern ein universalesGefühl für das Dasein, das Sosein, das Gewordensein aller Erscheinungen,ohne Rücksicht auf einen erst zu ergründenden Weltplan, dem die verschiede-nen Wesen mehr oder minder zu entsprechen schienen. Den Schöpfer selbstfühlte er, glaubte er ohne Beweis, im Sinne Hamanns, und seine Aufgabe war,ihn im Werden und im Gewordenen unmittelbar zu erkennen. Wenn dasWerden für Lessing eine logische Prozedur war, ein Mittel der Weltvernunft,ihren festen Plan zu realisieren, so daß für ihn im Grund alles ein gegebenesSein war, dessen Gesetze, Zusammenhänge, Mittel, Wirkungen und Gegen-wirkungen er durch die Vielfältigkeit der Erscheinungen hindurch zu erkennensuchte, wenn Lessing das Richtig-Erkannte, den Lohn seiner logischen Aktio-nen, als Gesetze, als Regeln auszusprechen sich getraute, wenn ihm allesEinzelne nur Zeichen und Ziffer in einem ewigen Kalkül war, den er sich lös-bar dachte: so war für Herder das Werden selbst Gottes Walten, und die Ver-schiedenheiten der Geschichte, die Mannigfaltigkeit der Völker und Sprachenund Individuen war ihm ein Erzeugnis eben dieses göttlichen Waltens, warihm Auswirkung Gottes, war der Leib der Gottheit. Nur mit dem Individuellendrang er ins Werden ein, nur mit dem Werden in die Gottheit. Weit entfernt,Gesetze, allgültige Formen suchen zu wollen, suchte er gerade die Individuali-täten, beseitigte das Besondere nicht, suchte die Ausnahmen nicht zu erklärenoder zu entschuldigen, um das Gesetz zu retten, sondern liebte gerade die Be-sonderheit als den Sinn Gottes.
So ist er unser erster großer Individualist, der erste große Geschichte-Seherund poetische Erfühler der Bibel, Shakespeares, der Völkerstimmen geworden,kurz der individuellen Offenbarungen der Geschichte. Neben dem großenKritiker, der allem seine Grenzen anwies, steht er als der große Liebende,der allem seinen Sinn gab. Sein Gefühl des Werdens und sein Sinn für dasIndividuelle sind die Grundeigenschaften, denen wir seine Universalgeschichte,seine Übersetzungen und seine Neubelebung der Weltdenkmale danken . . .alles hat denselben Ursprung. (Friedrich Gundolf, Shakespeare und derdeutsche Geist, 1911.)
„RÜCKKEHR ZUR NATUR"
Jean Jacques Rousseau trat mit der ganzen Inbrunst, mit der ganzen hin-reißenden Beredsamkeit seiner Überzeugung auf; er zuerst gibt den Ver-neinungen der Aufklärung eine positive und populäre Fassung. Der Verlogen-heit und Unerträglichkeit der kirchlichen, staatlichen, geselligen Verhält-nisse, wie sie nun sind, gegenüber stellt er die Lauterkeit, die Frische, die er-quickende Wahrhaftigkeit des Menschen, wie er rein und edel aus der Handder gütigen Natur hervorgeht, der Verhältnisse, wie sie sich in freier Gestaltungdes Natürlichen von selbst ergeben. Mit Abscheu wendet er sich hinweg vonder konventionellen Lüge, die alle Lebensverhältnisse von der Kindererziehung
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