Geistesrichtung, die in dem Kantschen System lebt, ihr zentrales Interessenicht dem Denken, sondern dem Wollen zuzuwenden. Und so hat man,radikaler oder zaghafter, Kant diese an sich höchst interessante Grundtendenzimputiert: die gedankenmäßige Bearbeitung des Daseins, nicht um der Ge-danken willen, sondern weil das praktische Tun, wie er es für die objektiveHauptsache des Lebens erklärt, auch das subjektive Interesse sei, das alsletzte Instanz sein Denken dirigiert.
Dies erscheint mir nun völlig irrig. Kant und sein System sind völlig intel-lektualistisch, sein Interesse, wie es aus dem Inhalt seiner Lehre hervorleuchtet,ist: die für das Denken gültigen Normen als auf allen Lebensgebieten gültigzu erweisen. Seine Philosophie wird ganz und gar dadurch gefärbt, daß ihrkeine Leidenschaften oder Gefühle, ich möchte sagen keine Instinkte zugrundeliegen, wie es bei Plato und Epikur, bei Plotin und Bruno, ja, für genaueresHinhören auch bei Spinoza und Hegel der Fall ist, von Fichte und Schopen-hauer zu schweigen.
Es ist eine Philosophie aus dem Verstände heraus, freilich aus dem vollendetenVerstände, nicht aus dem beschränkten des früheren Rationalismus. DieMacht des logischen Denkens zeigt sich hier um so souveräner, als sie nichtden haltlosen rationalistischen Versuch wiederholt, die andern Seelenenergienvon vornherein zu verdrängen. Die Selbständigkeit des Gefühls, die das Lebenbeherrschende Macht des Willens wird anerkannt. Und nun erst greifen dievernunftmäßigen Normen der Logik ein und bestimmen von sich aus Sein undWert jener. Es ist der äußerste und raffinierteste Triumph der begrifflich-logischen Geistigkeit, daß sie den sittlichen Willen allein über den Wert desMenschen entscheiden läßt, dann aber die Sittlichkeit des Wollens allein durcheine logische Norm bestimmt.
Die unnachläßliche Strenge seiner Moral stammt aus seinem logischen Fana-tismus, der dem gesamten Leben die Form mathematischer Exaktheit auf-drängen möchte. Die großen Morallehrer, bei denen der Quellpunkt der Lehrein der ausschließlichen Wertung des Sittlichen lag, waren durchaus nicht vonder gleichen Rigorosität: weder Buddha noch Jesus, weder Mark Aurel nochder heilige Franziskus. Es ist zu untersuchen, ob Kant nicht etwa zu dieserIntoleranz der sittlichen Forderung berechtigt ist, und hier nur zu betonen,daß sie diesen Charakter nicht von einem auf das Praktische, sondern aufdas Logisch-Begriffliche gestellten geistigen Lebensgefühl zu Lehen trägt.Damit stimmt durchaus zusammen, daß Kant, in dem das ethische Interesseangeblich das theoretische so weit überragt, nur die alltäglichsten und sozu-sagen gröbsten Vorkommnisse des sittlichen Lebens sich zum Problem macht.Was an den Tatsachen des Sittlichen den allgemeinsten Begriffen zugänglichist, behandelt er mit unerhörter Größe und Schärfe. Aber alle tieferen undfeineren Fragen der Ethik, die Zuspitzungen der Konflikte, die Komplika-tionen des Empfindens, die dunklen Mächte in uns, deren sittlicher Bewertungwir so oft ratlos gegenüberstehen, — alles das scheint er nicht zu kennen:ebenderselbe, der in der Beobachtung der Denktätigkeit des Menschen zuden tiefsten, feinsten, raffiniertesten Funktionen hinabdrang. Die Phantasie-'osigkeit und Primitivität in den sittlichen Problemstellungen und die Verfei-
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