kraft des nationalen Geistes zwar mächtig genug ist, um in demEinzelnen einentiefen und nachhaltigen Drang nach gemeinnütziger und auf das Höchstegerichteter Wirksamkeit zu erzeugen, wo aber die äußeren Bedingungen zurEntfaltung einer solchen Wirksamkeit so ungünstige und verschobene sind,daß dieser Drang entweder unbefriedigt in peinlicher Ohnmacht sich ver-zehren, oder in zahllosen mißlungenen Anläufen und immer wiederholtenVersuchen sich zersplittern oder endlich, allen Erfolgen im praktischen Lebenentsagend, sich in die sublimen Regionen philosophischer oder poetischer Be-schaulichkeit zurückziehen und dort ein ideales Selbstgenügen suchen muß.Dem Geiste eines Leibniz lag dieser letzte Ausweg am fernsten. Wie sehr auchdurch den Dreißigjährigen Krieg der Tatentrieb der Nation geschwächt und ihrVertrauen zu sich selbst erschüttert, wie niederbeugend und entmutigendauch die Zerrüttung und Verwirrung aller äußeren Verhältnisse sein mochte,so war doch weder der realistische Zug, der einst, nach Leibnizens eignemZeugnis, gerade in dem deutschen Volke so lebendig gewesen, noch die Er-innerung an jene glänzende Zeit deutscher Kraft und deutschen Gemeinsinnsso gänzlich erloschen, daß nicht ein Genie wie Leibniz den kühnen Gedankenhätte fassen sollen, die letzten, verglimmenden Funken dieses Geistes nocheinmal zur hellen Flamme anzublasen, den zerstückelten Gliedern des hin-sterbenden Reiches noch einmal frischen Lebensodem einzuhauchen, die,halb in spießbürgerlicher Beschränktheit, halb in gelehrter Einseitigkeit ver-kommende Nation noch einmal zum Wettlauf mit den andern, in verjüngterKraft ihr vorausgeeilten Völkern des zivilisierten Europas aufzustacheln und soseinen Namen und seinen Ruhm an die Heraufführung einer neuen Epoche derGröße, der Macht, der Bildung und des Glanzes seines Vaterlandes zu knüpfen.Schon als Jüngling, fast noch ein Knabe, fühlte Leibniz jenen quälendenDrang nach dem Höchsten und jenes Unbefriedigtsein durch einzelne Er-folge des Lernens oder des Schaffens, welche die sichersten Anzeichen einerzu Großem berufenen Tatkraft sind. Weder die Schönheiten der Dichter undGeschichtschreiber des klassischen Altertums — obschon sie seine Phantasielebhaft beschäftigten und ihn sogar zu eignen dichterischen Produktionenreizten —, noch die Spitzfindigkeiten der Scholastik, deren Ergründung undAufdeckung seinem Scharfsinn schmeichelte, vermochten einen Geist wieden seinigen zu fesseln, der überhaupt nicht durch irgendeine einzelne Artder Tätigkeit oder des Genusses, sondern nur durch das schrankenlosesteStreben nach allen Seiten hin auszufüllen und zu befriedigen war.Eines jedoch stand diesem hochfliegenden Geiste als Richtschnur seines un-e rsättlichen Tatendurstes frühzeitig fest: ,,daß Dasjenige erst einem Privat-*nanne das Beste scheinen müsse, was für das Allgemeine das Fruchtbarste^äre, was zum Ruhme Gottes gehörte, an dessen Verwirklichung nicht wenigerdem Handelnden, als dem menschlichen Geschlechte gelegen wäre, daß aberUnter den Mitteln zu dem Vortrefflichen für den Menschen keines vorzüg-licher sei, als der Mensch, wie unter den Menschen ein König, der StatthalterLottes, ebenso an Macht als an Weisheit, wenn einmal die seltene Glückselig-keit der Zeiten einen solchen hervorgebracht hätte". (Karl Biedermann,Deutschland im 18. Jahrhundert, 1854/1880.)
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