lebhaft nachklang, so daß er gar in einer unmittelbaren Nachahmung derAntike das Heil der modernen Kunst erblicken konnte. Diese erste Fassunglautet folgendermaßen: „Plinius schreibt, daß die alten Maler und Bildhauer,als Apelles, Protogenes und die anderen gar kunstvoll beschrieben haben,wie man ein wohlgestaltetes Gliedermaß der Menschen machen soll. Nun istes wohl möglich, daß solche edle Bücher im Anfange der Kirche unterdrücktund ausgetilgt worden seien, um der Abgötterei willen. Denn sie haben gesagt,der Jupiter soll eine solche Proportion haben, der Apollo eine andere, dieVenus soll so sein und der Herkules so, desgleichen mit den anderen allen.Sollte dem also gewesen sein und wäre ich zu derselben Zeit zugegen ge-wesen, so hätte ich gesprochen: O lieben heiligen Herren und Väter I umdes Bösen willen wollet die edle, erfundene Kunst, die da durch großeMühe und Arbeit zusammengebracht ist, nicht jämmerlich unterdrückenund gar töten, denn die Kunst ist groß und schwer, und wir mögen und wollensie lieber mit großen Ehren in das Lob Gottes wenden; denn in gleicher Weise,wie sie die schönste Gestalt eines Menschen ihrem Abgotte Apollo zugemessenhaben, also wollen wir dieselben Maße brauchen zu Christo dem Herren, derder schönste aller Welt ist; und wie sie Venus als das schönste Weib gebildethaben, also wollen wir dieselbe zierliche Gestalt in keuscher Weise beilegender allerreinsten Jungfrau Maria, der Mutter Gottes; und aus dem Herkuleswollen wir den Samson machen; desgleichen wollen wir mit den anderen allentun." (Moriz Thausing, Dürer, 1876.)
NÜRNBERG ALS RENAISSANCE STADT
Im XV. Jahrhundert war Nürnberg eben der Mittelpunkt des gesamten euro-päischen Handelsverkehrs. Noch war der Seeweg nach Ostindien nicht ent-deckt, und die Warenzüge nahmen von Venedig ihren Weg hierher, um in dieHansestädte und nach dem höheren Norden zu gelangen. Ebenso bildete dieStadt den natürlichen Stapelplatz aller Erzeugnisse des deutschen Gewerbe-fleißes, die den bedürftigen Hinterländern des Ostens, namentlich Polen undUngarn, zugeführt wurden. Die Reichtümer, welche dafür aus aller HerrenLändern in die Hände der patrizischen Kaufherren flössen, wurden gleich anOrt und Stelle wieder produktiv durch die in allen Zweigen aufblühende In-dustrie. Die Freude am Schaffen war Hoch und Nieder gemein in Nürnberg.Der Wohlstand, der daraus entsprang, gewährte hinwiederum die Muße zurVertiefung und Verfeinerung der Tätigkeit, deren Früchte immer mehr dasZiel einer edlen Ruhmsucht wurden. Die Liebe zur Arbeit war es, was dieBürgerschaft Nürnbergs zur Wertschätzung der höchsten irdischen Güterführte, die Handwerker zur Ausübung der Kunst, die reichen Vollbürgerzur Pflege der Wissenschaft. Nicht unter so rastlosen Stürmen, wie in Florenzund im alten Athen, sondern in einträchtigem wohlgeordnetem Zusammen-leben hat hier ein deutsches Gemeinwesen von höchstens hunderttausendSeelen gleichfalls auf beiden Gebieten nach dem Höchsten gerungen. DemGedeihen im Inneren entsprach denn auch der Glanz und die Bedeutung derRepublik nach außen. Im deutschen Binnenlande war sie unstreitig die Königin
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