gewußt hatte; in Italien, Spanien, Portugal, Frankreich, den britannischenInseln, den nordischen Königreichen, in Livland, Polen, Preußen, Ungarn,in Deutschland, Holland und so fort hat man lateinisch nicht nur versifiziert,sondern hier und da gewiß auch gedichtet. Italien, Frankreich, Deutschland,Polen, vor allen Holland hat Männer gehabt, die mit dem Latein wie mit ihrerMuttersprache umzugehen wußten und in ihm Gedichte gaben, die in jederLandessprache Aufmerksamkeit gebieten würden. Selbst die vortrefflichsten,die der Sprache und Poesie ihrer Nation eine bessere Gestalt gaben, hattendiese meistens im Lateinischen zuerst versucht, wie außer den Italienern dieBeispiele Milton, Cowley, Grotius, Heinsius, Opitz und fernere zeigen. Fastalle Reformatoren, Erasmus, Luther, Zwingli, Melanchthon, Camerarius,Beza, waren Liebhaber der Alten, Liebhaber der griechischen und lateinischenDichtkunst. Die gebildetsten Staatsmänner, wie Thomas Morus, de Thou,Hopital, Botschafter, Päpste, Kardinäle waren lateinische Dichter. EinHelikon vereinigte sie und weckte Stimmen vom Ätna bis zum Hekla, vomAusfluß des Tago bis zur Weichsel und der Düna. (Herder, Briefe zur Beför-derung der Humanität, 1793/1897.)
DAS NEUE BILDUNGSDEUTSCH
Leibniz hatte seine Werke teils in lateinischer, teils in französischer Sprachegeschrieben. Christian Wolff heißt der vortreffliche Mann, der die Ideen desLeibniz nicht bloß systematisierte, sondern auch in deutscher Sprache vor-trug. Sein eigentliches Verdienst besteht nicht darin, daß er die Ideen desLeibniz in ein festes System einschloß, noch weniger darin, daß er sie durchdie deutsche Sprache dem größeren Publikum zugänglich machte; sein Ver-dienst besteht darin, daß er uns anregte, auch in unserer Muttersprache zuphilosophieren. Wie wir bis Luther die Theologie, so haben wir bis Wolff diePhilosophie nur in lateinischer Sprache zu behandeln gewußt. Das Beispieleiniger wenigen, die schon vorher dergleichen auf Deutsch vortrugen, bliebohne Erfolg, aber der Literarhistoriker muß ihrer mit besonderem Lobe ge-denken. Hier erwähnen wir daher namentlich des Johannes Tauler, einesDominikanermönchs, der zu Anfang des vierzehnten Jahrhunderts am Rheinegeboren und 1361 ebendaselbst, ich glaube zu Straßburg, gestorben ist. Erwar ein frommer Mann und gehörte zu jenen Mystikern, die ich als die pla-tonische Partei des Mittelalters bezeichnet habe. In den letzen Jahren seinesLebens entsagte dieser Mann allem gelehrten Dünkel, schämte sich nicht, inder demütigen Volkssprache zu predigen, und diese Predigten, die er auf-gezeichnet, sowie auch die deutschen Übersetzungen, die er von einigen seinerfrüheren lateinischen Predigten mitgeteilt, gehören zu den Denkmälern derdeutschen Sprache. Denn hier zeigt sich schon, daß sie zu metaphysischenUntersuchungen nicht bloß tauglich, sondern weit geeigneter ist als die la-teinische. Diese letztere, die Sprache der Römer, kann nie ihren Ursprungverleugnen. Sie ist eine Kommandosprache für Feldherren, eine Dekretal-sprache für Administratoren, eine Justizsprache für Wucherer, eine Lapidar-sprache für das steinharte Römervolk. Sie wurde die geeignete Sprache für den
68