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3 (1926) Die Neuzeit im deutschen Bereich
Entstehung
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verlästert und von der Gegenseite, vielleicht über die Gebühr, desto wärmerverteidigt. Die Väter kommen zusammen, ratschlagen, ob man den Aus-druck gelten lassen dürfe, sie holen Zeugnisse aus älteren Vätern, oft ver-stümmelt und verfälscht, für Ja und Nein. Man streitet, schlägt, überwirft sich;die Obrigkeit stellet sich dazwischen und macht Dekrete, politisch-theologischeDogmen. Jetzt bekommen die Lehrmeinungen eine andere Gestalt. Waseinst schwüle Ausdünstung warmer Köpfe war, ist am Kirchenhimmel indie Luft gestiegen und blitzt und donnert. Neue kleine Jupiters, Bischöfe,Kaiser, Päpste werfen diese schweflichten Feuerstrahlen, die wenig erleuch-ten, desto mehr aber zünden, schrecken, zerschmettern und verwüsten, überdie Gefilde der Christenheit. Der unterdrückte Haufe bewahrt seine ver-folgten Lehrmeinungen um so strenger, weil er ihrethalb unschuldig litt;sie sind oder werden ihm jetzt Religion, und so wird begreiflich, wie Sätzehaben Religion werden können, die es ihrer Natur nach gar nicht sind.Leide jemand für den Satz:der Hecht ist blau", müsse er ihn mit Gefahrseiner Ehre und seines Lebens verteidigen, der blaue Hecht wird ihm undseiner Familie Religion werden.

So kamen Lehrmeinungen ins Christentum, ja die Christenheit ward über-deckt mit Lehrmeinungen, wie mit Gebräuchen: denn beide knüpften sich festaneinander. Wenn eine Meinung, so ungereimt sie war, sich an ein Fest, aneinen Gebrauch, gar an eine Gesellschaft, an ein Institut heften konnte, sowar sie geborgen; sie ward dadurch sanktioniert und geheiligt. Die Meinungweihete den Gebrauch, der Gebrauch die Meinung; der christliche Kalenderward jahraus jahrein eine Didaskalie roter Meinungen und Feiertage.War dies verwerflich? Wenigstens wars natürlich: ohne ein fortgehendesWunder konnte nichts anders werden. Das Christentum ist ein Teig, aus demalles gemacht ward, was sich machen ließ; man hat darüber gedichtet unddaraus gemalt; man hat es in Mysterien, Possenspielen, sogar auf Pfeffer-kuchen vorgestellt und Gesetze darüber gegeben; warum sollte man darübernicht auch philosophieren, dogmatisieren, rhetorisieren, meinen? Wer kannMeinungen der menschlichen Wißbegierde, Volksmeinungen dem Volk, Lehr-meinungen einer Lehrsekte wehren?

Nur daß diese Lehrmeinungen nicht Religion werden 1 weder einem Schüler,noch weniger einem Staat, am wenigsten der ganzen Christenheit auf Erden.Denn wie darf dieser Lehrer dem Gewissen eines andern zur Religion machen,was seiner Natur nach nicht Religion, sondern erklärende, auslegende Meinungdieses Lehrers ist? So wenig Raphael oder ein andrer Maler, so wenig Klop-stock, Milton oder ein anderer Dichter fordern wird, daß seine dichtende Dar-stellung für Geschichte erkannt und als solche bevollmächtigt werde; weitweniger muß ein Meiner verlangen, daß, sogar den Gesetzen der Auslegungzuwider, sein Meinen dem andern Religion werde: denn wer kann nicht, undwas kann man nicht meinen?

An irgendeiner Lehrmeinung, das ist an einer Einkleidung, Dichtung, Er-klärung, Auslegung und so fort sollte meine Religion meine innerste Gewissen-haftigkeit, mein Glaube, meine sicherste Zuversicht hangen? Welch einElender müßte ich, welch eine Elende müßte meine Religion sein! Und wer

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