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3 (1926) Die Neuzeit im deutschen Bereich
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den Andacht eine wahre Unzucht treiben; arme Sünder, die sich aus denselbenUrsachen in die Arme der pietistischen Gnade und Wiedergeburt flüchten,aus welchen einige andere ihresgleichen katholisch werden; halbgebildeteSchwärmer, die mit Auslegung der Schrift und Prophezeien die Köpfe ver-rücken, ohne die Herzen zu erwärmen; Fanatiker, die sich im eigenen Blutbaden und selbstmörderisch opfern, um, wie sie sagen, für Christus zu sterben,gleich wie Christus für uns gestorben ist; endlich Heuchler aller Art, besondersin den niedern Klassen, Kaufleute und Gastwirte, die sich auf dem religiösenWege Käufer und Gäste verschaffen, arme Abenteurer, die auf eine bequemeWeise Krippenreiterei treiben, und kokette Weiber, die unter dem Nameneiner büßenden Magdalena nur die sündige spielen wollen. Alle diese Miß-bräuche sind indes nicht dem Pietismus an sich, sondern der Stellung zuzu-schreiben, in welcher er sich jetzt noch befindet. Der Weltgeist, dem der Pie-tismus noch erliegt, treibt auf solche Weise Hohn und Spott mit ihm.Eine große Zahl von Pietisten sucht diesem Weltgeist dadurch zu entfliehen,daß sie sich von allem Irdischen so weit als möglich zurückziehen und nichteinmal mehr denken wollen. Dies ist der Quietismus im Pietismus, sein Ex-trem, die einseitigste Verirrung, deren er fähig ist. Zu diesem Quietismus sinddie niedern Klassen am geeignetsten, weil der Stolz und Hochmut der Un-wissenheit denen am leichtesten wird, die wirklich am unwissendsten sind.Auch die ganz abgeschwächten Vornehmen suchen den Quietismus, um selbstin der äußersten Unfähigkeit noch eine Wollust zu finden. (Wolfgang Menzel,Die deutsche Literatur, 1836.)

MANGEL AN GESUNDER ERDENLUST

Der Pietismus, zaghafter und ohne die entschlossene Begeisterung einer totalenUmkehr, die von keinen Konzessionen weiß, möchte zwischen jener klöster-lichen Asketik und der weltlichen Zügellosigkeit sich in Poesie und Lebenein stillfrommes juste milieu zurechtmachen. Er will den Sinnengenuß unddie Liebe sich allenfalls gefallen und wohlbekommen lassen, aber zugleich ausFurcht vor der Sünde die Lust neutralisieren. Die Farben sollen nicht brennen,die Blumen erst ängstlich fragen, ob sie nicht etwa zu kräftig duften undvielleicht ein paar Schwachköpfe berauschen könnten; das ganze gewaltigeLeben soll in ein sanftes Handbuch der Moral umgeschrieben werden in usumDelphini: jener zerfallenen, wurmstichigen, hysterisch schreckhaften Un-schuld, die aus jedem Blütenkelche nur ihr eigenes heimliches Teufelchenaufducken und ihr ein Schnippchen schlagen sieht. Aber die schwüle Lang-weiligkeit eines solchen englischen Sonntags ist, abgesehen von der dabei kaumzu beseitigenden Heuchelei, ohne Zweifel unheilbrütender, als die unbefangenekecke Lust eines gesunden Volkes, das wieder einmal den Arbeitsschmutzder ganzen Woche von sich kehrt und sich innerlich stärkt. Denn rechte Freudeist eine ebenso starke Schwinge und lehrt ebenso herzinnig beten als die Not,Weil beide, worauf es doch am Ende ankommt, die Rinde der trägen Gleich-gültigkeit brechen, die das Herz vom Himmel scheidet. In jener temperierten,flauen, abgeblaßten Sitten-Diät und Selbst-Verhätschelung aber ist, wie in

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