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Joseph von Eichendorff : sein Leben und seine Dichtungen ; zur hundertjährigen Geburtstagsfeier am 10. März 1888
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Und in diesem reinen und durchaus ursprünglichen Gemüth läßt derDichter die Welt und die Menschen sich spiegeln und entzückt uns durchdas reizende Spiel eines liebenswürdigen Humors und einer überlegenenfeinen Ironie. Mit gutmüthigem Lächeln blickt er auf seinen Helden,den Taugenichts, herab, den er trotz seiner selbstgefälligen Haltung undseines unverbesserlichen Leichtsinns herzlich liebgewonnen hat. Da eraber aus der Seele des Taugenichts herausschreibt, nur mit dessen Her-zen fühlt, nur mit dessen Augen sieht und sich selbst völlig in den Hin-tergrund stellt, dadurch gewinnt er, obgleich in einer schier märchenhaftenSphäre schwebend, den Boden der Wirklichkeit und für seine Dichtungein echt realistisches Gepräge. Ideal ist das Ganze, realistisch ist dasEinzelne, sowie das Märchen, das Niedagewesene, zusammengesetzt ist ausden Bestandtheilen der Wirklichkeit.

Von allen Werken Eichendorffs hat, abgesehen von den Gedichten,keines eine solche Popularität erlangt, wie die liebenswürdige Schilderungdes Taugenichts. Gottschall *) nennt sie „die prächtige Idylle der para-diesischen Faulheit. , . ." und fügt hinzu: „Der Hauptreiz der Dichtungberuht auf der naturwüchsigen Ursprünglichkeit des Empfindens und derköstlichen Schalkhaftigkeit, mit welcher der Dichter selbst in die komischenIrrfahrten seines Helden hineinlächelt." Und'Goedeke^): „Im Taugenichtsckritt Eichendorffs großes lyrisches Talent nicht bloß in den Liedern, sondernin der frischen Naivetät der Erzählung selbst am schönsten auf. Er hathier am einfachen Faden eines wanderlustigen Jugendgemüthes, in ein-fachem Rahmen und engster Begrenzung alle seine romantischen Zauberspielen lassen, so daß diese Novelle von jeher die Lieblingsschöpfung derJugxnd gewesen und auch für ältere Freunde des Dichters eine stets er-frischende Lectüre geblieben ist." Vilmars endlich behauptet, daß gleichSeelenvolles die ältere romantische Schule nicht zu schaffen vermocht habe.

Im Herbst 1823 wurde Eichendorff als Vertreter eines erkranktenRathes in das Cultusministerium berufen und verbrachte den Winter1823 —1824 in Berlin. Hier lernte der Geh. Ober-RegierungsrathSchmedding, dessen Interesse für die von Eichendorff verfaßte Prüfungs-Arbeit über „Die Aufhebung der geistlichen Landeshoheit und die Ein-ziehung des Stifts- und Klostergutes in Deutschland" wir schon erwähnthaben, ihn persönlich kennen und schätzen und nahm sich vor, für seineBeförderung zu sorgen. Eine Veranlassung fand sich bald, nachdemEichendorff wieder nach Danzig zurückgekehrt war. Die beiden Ober-präsidien von Ost- und Westpreußen waren nämlich inzwischen vereinigt,und Freiherr von Schön an die Spitze der Verwaltung nach Königsberg

si A. a. O., I 426. — °) A. a. O., II 296. — °) Lit.-Gesch., 476.