24
Schon damit ist implizite der Uebergang zur Wertlehre voll-zogen. Die duree bedeutet nicht zeitlose Ewigkeit, denn auchdie wäre tot. Lebendigkeit des ewigen Lebens haben wir vielmehran ihr, ein Begriff, der nur deswegen paradox erscheint, weil wirgewohnt sind, allein mit dem toten und tötenden Verstand zudenken. Das müssen wir uns abgewöhnen. Dann erkennen wir:das Universum ist, wie wir selbst, schöpferische Tat, aufquellendes,emporflutendes Werden und Geschehen und insofern zugleich gött-lich. Der Mechanismus, der, weil er nur unwesentliche Ortsver-änderung unveränderlicher Elemente kennt, alle Zeitwirklichkeitin räumliches Auseinander, alles Intensive in Extensives ver-fälscht, wird damit zum bösen Prinzip. Die echte Realität schafftimmer neue Formen und Gestalten in unerschöpflichem Wachsenund Blühen. Die evolution creatrice ist das Letzte und Höchste.Die Substanz der Welt „ist“ nicht im Sinne des starren Seins,sondern wird. Sie besteht nicht als Substanz, steht nicht still,ruht nicht, sondern lebt und wirkt. Nicht im Sein, sondern nurim Werden kann ein Lebendiges sich entfalten. Was sinkt, mattwird, beharrt, dahin fällt, fest wird, ruht, stirbt, ist ungöttlich.
Mit dieser Wert-Metaphysik des Lebens ist dann endlicheine Ethik, wenn man davon bei Bergson reden will, aufs engsteverknüpft. Sie stellt sich selbstverständlich als Lebensethik dar.Wenn wir fragen, was wir tun sollen, um unser Leben sinnvoll zugestalten, kann die Antwort nur lauten: wir haben in der Intuitionzu leben. Vom Verstand, durch den wir zu Sklaven unserer Be-dürfnisse werden, und der, wie er alles erstarren läßt, auch unsselber fesselt, müssen wir uns befreien. Nur durch intuitive Hin-gabe an das Leben erobern wir uns sittliche Freiheit. Das Lebenselbst bildet also nicht nur das wahre Sein, sondern auch daswahre Lebensziel. Zugleich stellt es nicht ein und dieselbe Aufgabefür alle, sondern im freien Leben hat jeder sich sein besonderesLebensziel frei zu wählen.
Das ist die „Lebensanschauung“, die sich aus Bergsons Welt-anschauung ergibt, die „praktische“ Philosophie, die aufs engstemit der „theoretischen“ zusammenhängt. So verstehen wir seineGrundgedanken durchweg als die einer Lebensmetaphysik aus derFülle des Lebens heraus für den lebendigen Menschen.
Auch quantitativ hat Bergson in der wissenschaftlichen