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jeder Hinsicht wertfreie Sein ist zugleich sinn- oder bedeutungs-frei. Wo man daher „verstehen“ will, darf man die Werte nichtignorieren. Sonst weiß man nicht, was man versteht.
Auch vom „Gelten“ ist seit Lotze in der Philosophie dieRede, ja der Ausdruck ist fast schon Mode geworden. Die Be-schäftigung mit Werten hält man trotzdem für „unwissenschaft-lich“. Als ob etwas anderes als ein Wert gelten könnte! Washeißt denn gelten, wenn das Wort nicht eine Wertbedeutunghat? Das bloß Seiende gilt nie, ebenso wie es unverständlichist. Man sagt zwar: eine Tatsache gilt. Aber das ist ungenau.Nicht die Tatsache, sondern der Satz, daß etwas Tatsache ist,gilt, und er gilt nur insofern, als er einen wahren Sinn hat.Wahrheit aber ist ihrem Wesen nach ein Wert. So gibt es auchkein wertfreies theoretisches Gelten.
Das führt zugleich auf einen besonderen Punkt, der prin-zipielle Bedeutung hat. Wahrheit ist ein Wert. Sie wendetsich an unser Interesse. Wir nehmen wertend zu ihr Stellung.Es ist unbegreiflich, daß man das leugnet 1 ). In dieser Hinsich-besitzt sogar die biologistische Erkenntnistheorie des Pragmatis-mus ein Verdienst. Zwar geht sie in die Irre, wenn sie glaubt,den theoretischen Wert auf den „Nutzen“ oder irgend ein anderesatheoretisches Gut zurückführen zu können. Darin liegt einegrobe Verwechslung von zwei grundverschiedenen Wertbegriffen.Doch das behauptet sie mit vollem Recht, daß die Wahrheitihrem Wesen nach werthaft ist, und daß auch der erkennendeMensch als wertendes Subjekt verstanden werden muß.
Das Wahrheitsproblem wird als Wirklichkeitsproblem sich nielösen lassen. Die Einsicht ist freilich nicht gerade neu. Siesollte, zumal seit Kant, niemandem mehr verborgen geblieben sein.Auch die moderne Lebensphilosophie aber hat sie in wirksamer
1) Eine ausführliche Begründung dieser Ansicht habe ich inmeinem Buch über den „Gegenstand der Erkenntnis“ zu gebenversucht. 4. u. 5. Auflage. 1921. Das ist die philosophische Pointedieser „Einführung in die Transzendentalphilosophie“. Den erstenBand eines Systems der Philosophie, das auf dieser erkenntnis-theoretischen Basis errichtet ist, habe ich vor kurzer Zeitveröffentlichen können. Hier muß ich mich auf Andeutungenbeschränken, die nur auf den Zusammenhang hinweisen sollen,den die Kritik der Zeitphilosophie mit der positiven Ausgestaltungmeiner Philosophie des Lebens hat.