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So werden wir es also zwar nach wie vor ablehnen, dieWelt und das Leben intuitiv oder gar biologistisch in ihrerLebendigkeit zu erkennen, denn alle Erkenntnis braucht Begriffe,die stets unlebendig sind, und die Begriffe der Biologie sind nichteinmal universal. Aber das können wir in der Tat gerade vonder Lebensphilosophie lernen, wenn wir sie besser verstehen,als sie sich selbst versteht: wir dürfen nie glauben, in dieBegriffe der Philosophie lebendiges Leben selbst eingefangen zuhaben, sondern können als Philosophen uns nur die Aufgabestellen, dem Leben so nahe zu kommen, wie sich das mit demWesen des begrifflichen Philosophierens verträgt.
Vor allem wird die Philosophie des Lebens uns jedochmahnen, auch in der Philosophie das Leben, das sie „töten“muß, nicht zu vergessen. Ueber das Leben, das wir alleleben, gilt es, zu philosophieren, ja wir werden recht tun, wennwir es in den Mittelpunkt stellen, um von ihm aus zum Welt-ganzen vorzudringen. Den lebendigen Menschen in seiner Tota-lität haben wir zuerst zu verstehen und im Zusammenhangmit ihm dann die Welt, in der er lebt. Besonders darf diePhilosophie nicht nur über das Denken denken und als Logizis-mus dem vollen Leben feindlich werden, wie alle die anderneinseitigen Bichtungen, welche Begriffe von Spezialwissenschaftenzu Weltallbegriffen erweitern, mögen sie das in Form des Mate-rialismus oder des Psychologismus, des Biologismus oder desHistorismus tun.
In diesem Sinn haben also auch wir aus dem vollen Lebenheraus zu philosophieren, ja insofern können wir uns sogar aufNietzsches Liebe zum Leben berufen. Seien wir jedem dank-bar, der, wie einst Sturm und Drang den Menschen die „Natur“,
mit glühender Begeisterung gelesen, zu einer Zeit, da Nietzschevöllig unbekannt war, und von da ab jede Zeile von ihm, die mirzugänglich wurde. Oft habe ich früher hören müssen, daß ich ihnüberschätze, und noch jetzt greife ich immer wieder nach seinenWerken. Aber für einen „großen Philosophen“ werde ich ihn ersthalten, wenn man mir zeigt, daß er einem der zeitlosenProbleme der Philosophie, die seit Platon das europäische Denkenbeherrschen, eine wesentlich neue Seite abgewonnen hat, und einsolcher Versuch ist bisher nicht gemacht. Ja, Nietzsche bleibt ineinigen fundamentalen Fragen weit hinter dem zurück, was wissen-schaftlich längst klar gestellt war, als er zu philosophieren begann.