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Der geistvollste, freilich stark mit Schopenhauerscher Willens-metaphysik durchsetzte Versuch in dieser Richtung stammtwieder von Nietzsche. Wenn in der Schrift über „die Geburtder Tragödie aus dem Geiste der Musik“ das Dionysische demApollinischen gegenüber gestellt wird, so bedeutet das, abgesehenvon anderen Denkmotiven, die sich eng damit verbinden, daßdem Menschen, der das elementare Leben leben will, die apol-linische, und das ist eben die dem lebendigen Leben fernstehendeKunst, nicht genügt.
Doch schon Nietzsches Gedanke, daß die Musik dem Lebennäher wäre als andere Künste, ist falsch. Man könnte viel ehersagen, daß sie unter den Künsten das sei, was die Mathematikunter den Wissenschaften darstellt. In ihr wird die größte Ent-fernung vom lebendigen Leben erreicht, die bei dem Festhaltenan der Anschauung möglich ist. Gerade sie also gehört, wennirgend etwas, in das Reich des Apollinischen und Unlebendigen,und dasselbe gilt, wenn auch vielleicht nicht in so hohem Maße,von allen andern Künsten, von der Tragödie wie von derPlastik.
Dionysos, aufgefaßt als der Gott des bloß vitalen wildenLebensdranges, hat in der ästhetischen Sphäre nichts zu suchen.Ihn aus ihr hinauszutreiben, oder ihm wenigstens Fesseln an-zulegen, muß vielmehr die Aufgabe jeder wahrhaft künstleri-schen Gestaltung sein.
Freilich wird die Ansicht, daß auch die Kunst das unmittel-bare Leben „tötet“ wie die Wissenschaft, vielen vollends para-dox erscheinen. Wie oft fühlen wir alle unsere Lebenskräfte beider Retrachtung eines Kunstwerks angeregt! Und doch dürfenwir uns nicht darüber täuschen, daß hier das Wort „Leben“eine andere Redeutung hat als die des unmittelbaren vitalenLebens oder des Lebens, von dem es biologische Theorien gibt.Es bleibt dabei, daß eine wahrhaft ästhetische Kultur erst dortmöglich wird, wo wir darauf ausgehen, eine Welt über dem Lebenzu bauen, die nicht mehr in demselben Sinne lebendig ist wiedie lebendige Natur im Gegensatz zur toten Wirklichkeit.
Wie weit die Kluft zwischen Kunst und Leben ist, kannvielleicht noch deutlicher werden, wenn wir von der künstlerischenzur sittlichen Kultur übergehen. Es ist der wollende und