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Die Philosophie des Lebens : Darstellung und Kritik der philosophischen Modeströmungen unserer Zeit
Entstehung
Seite
63
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Bei den intuitiv zu ergreifenden Erlebnissen oder Erlebnis-inhalten bleibt niemand stehen, der ernsthaft besondere Lebens-probleme in Angriff nimmt. Bei jedem Versuch dies zu tun,entsteht aus dem Erlebnis eine Lebens lehre, und das bedeutet,daß zum Lebensinhalt die Lebensform hinzutritt. Sieht mandas ein, so wird man meinen, die Lebensphilosophie habe nurdafür zu sorgen, daß die Formen, die sie braucht, echte Lebens-formen seien, oder daß man das Leben mit seinen eigenenFormen begreife.

Zugleich aber ergibt sich für eine konsequente Lebens-philosophie daraus auch ein schweres Problem. Die Form istnur dann ,,Leben, wenn wir dies Wort im denkbar weitestenSinn als Erlebnis nehmen, also einen Begriff damit verbinden,der, wie wir sahen, in keiner Lebensphilosophie fruchtbar zumachen ist. Sobald der formale Faktor in Gegensatz zum In-halt tritt, kommt er damit auch in Gegensatz zum Leben. Dasgilt für jede Form ohne Ausnahme, also auch für die Lebensform.Alles Leben fließt kontinuierlich. Die Form dagegen bedeutetBegrenzung, ja ist selber Grenze. Das Leben befindet sich indauernder Bewegung, und die Form stellt ihm gegenüber etwasFestes oder Starres dar. So lassen sich die Lebensformen nurim Kontrast zum kontinuierlichen Lebensfluß der Inhalte denken,und doch können wir sie nicht entbehren, falls wir irgendeineErkenntnis des Lebens anstreben.

Man mag freilich den Schwerpunkt dabei mehr auf dieSeite der festen Form oder mehr auf die Seite des beweglichenInhalts legen und dann die Form auf ein Minimum herabzu-drücken suchen. Seitdem in der griechischen Philosophie Hera-klit und Parmenides einander gegenüberstanden, hat sich derKampf zwischen Evolutionismus und Stabilität immer von neuemwiederholt. Aber auch der Weise von Ephesus, für denallesfließt, war, soviel war wissen, weit davon entfernt, in Wahr-heit a 11 e s in Bewegung aufzulösen. Ueber dem Fließen schwebtefür ihn der feste Rhythmus, den zu erfassen die Aufgabe desPhilosophen bildete. Wo man das Feste überhaupt leugnete,kam man zum Skeptizismus oder zu einem Relativismus, dernur durch Inkonsequenzen vom theoretischen Nihilismus ge-trennt blieb.