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Die Philosophie des Lebens : Darstellung und Kritik der philosophischen Modeströmungen unserer Zeit
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Historiker kann alles, was in der Vergangenheit geschehen ist,in seine Darstellung aufnehmen. Aber als Historiker brauchter sich um die Gründe, warum ihm gerade dieswesentlichwird und anderes nicht, wenig zu kümmern. Dafür, daß er dierichtige Auswahl trifft, darf er sich auf seinenInstinkt oderseinGefühl verlassen. Ja, nur wenn er einen solchen Instinktfür das geschichtlich Wesentliche besitzt, ist er einechterHistoriker. Das hängt mit dem unsystematischen Charakter derGeschichte zusammen und bedarf hier weiter keiner Erörterung J ).

Ebenso gewiß reicht jedoch der historische Instinkt in derPhilosophie nicht aus. Das, worauf die Stärke des Geschichts-schreibers beruht, führt hier wie in jeder systematischen Wissen-schaft zur Unproduktivität. Gerade weil Dilthey bei der Fülledes vergangenen Lebens liebevoll verweilte, ohne sich in seinerTeilnahme irgendwie beschränken zu lassen, konnte er nie zumsystematisch denkenden Philosophen werden. Als Historikerwußte er freilich genau, was für ihn verwendbar war und wasnicht, und er erkannte daher deutlich, daß die nach naturwissen-schaftlicher Methode generalisierend verfahrende Seelenlehre sichnicht, wie geschichtsfremde Psychologen wähnen, zur Basis dergeschichtlichen Disziplinen eignet. Seine Kritik an der psycho-logischenGrundlegung der Geisteswissenschaften war treffend.Aber die neuePsychologie, die er an die Stelle der altensetzen wollte, blieb im Dunkel, ja war überhaupt keine Psycho-logie, so daß grade seine psychologischen Gegner indieser Hinsicht leichtes Spiel hatten.

Plätte Dilthey sich auf die Geschichte desgeistigen Le-bens und auf die Abwehr geschichtsfremder naturalistischerSpekulationen beschränkt, dann stünde er einwandsfrei da. Auchder fragmentarische Charakter seiner Werke würde nicht stören.Geschichte ist stets fragmentarisch, ja muß es sein. Es ist zubedauern, daß man sich an dem Historiker Dilthey nicht ein-

1) Die Gründe dafür habe ich aus dem Wesen der geschicht-lichen Wissenschaften zu verstehen gesucht und in meinem Buchüber Die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung,18961902, 3. u. 4. Aufl. 1921, ausführlich behandelt. Kürzere Zu-sammenfassungen in: Kulturwissenschaft und Naturwissenschaft,4. u. 5. Aufl. 1920, und: Geschichtsphilosophie (Festschrift fürKuno Fischer, 2. Aufl. 1907).