Wie soll es Theorie ohne jede Form aus bloßem Inhalt,ohne jedes Denken durch bloße Intuition, ohne jeden Begriffaus bloßer Anschauung geben? Gewiß bleibt es richtig, daßdie Philosophie Inhalt braucht, und daß alle Inhalte, die wirbegrifflich formen wollen, auch anschaulich erlebt sein müssen.Aber dazu ist wieder, wie beim ersten Erlebnisbegriff, zu be-merken, daß gerade weil das für alle Inhalte zutrifft, die wirüberhaupt formen können, damit noch nichts über einen b e-sonderen Inhalt gesagt ist, der geeignet wäre, die Philo-sophie des Lebens von anderen Arten des Philosophierens zuunterscheiden. Das anschauliche intuitive Erleben der In-halte mag also Vorbedingung des Philosophierens sein, dochgibt es für sich allein noch keine Philosophie. Das sollte, keinesBeweises bedürfen und ist hier nur gesagt, weil sogar darüberin mancher Philosophie des Lebens erstaunliche Unklarheitbesteht.
Auch der Umstand, daß viele philosophische Gedanken-gebilde zu wenig anschaulich erlebten Inhalt aufweisen unddeshalb vielleicht mit Recht „tot“ gescholten werden, darf fürdie intuitive Lebensphilosophie nicht als Begründung gelten.Damit käme man nur zu dem Satz, daß Begriffe ohne Anschau-ungen leer sind, und in ihm steckt doch noch keine Philosophiedes Lebens.
Man spricht von einem Hunger nach Anschauung in unsererZeit, und das Bedürfnis nach Intuition läßt sich überall dortgut verstehen, wo gewisse Formen, die das Leben annimmt, sich„überlebt“ haben, oder wo Begriffe, die nur an einem besonderenTeil der Weltinhalte gebildet und insofern einseitig ausgefallensind, zu Weltallbegriffen erweitert werden, wie z. B. bei der„monistischen“ oder der mechanistischen Weltanschauung. Ihnengegenüber kann eine Abneigung gegen die tötenden Formenentstehen. Begründet aber ist sie nur, falls sie sich alleingegen besondere Arten von Formen richtet. IrgendwelcheVerstandesformen bleiben unentbehrlich. Auch eine Philo-sophie der Erlebnisinhalte kommt ohne Begriffe nicht aus. Siebliebe sonst theoretisch unverständlich, könnte überhaupt nichtin sinnvollen Sätzen zum Ausdruck gebracht werden.
Jede Philosophie sieht sich also vor die Frage gestellt, in