XIV —
als letzter unter den modernen Europäern doch wohl der alteGoethe besaß. Auch verraten meine Worte nicht, wie man ge-meint hat, daß die alte kantische Schul- und Vernunftphilosophiewelk und grau geworden und mit solcher Stimmung längst fürden Untergang reif sei, den Spengler dem Abendlande prophezeit.Ich wollte, wie der Gedankenzusammenhang deutlich zeigt,vielmehr lediglich sagen: weder ist „das Leben“ weise, noch wirddie Wissenschaft, die mit dem Intellekt zu arbeiten hat,es zur Weisheit bringen, denn Weisheit geht stets vom ganzenMenschen aus, um sich an den ganzen Menschen zu wenden, undsie liegt daher jenseits des rein intellektuellen Gebiets. Insofernbedeutet auch mein angefochtener Satz nichts anderes als denAusdruck einer aus anti-intellektualistischer Weltanschauungstammenden Bescheidung des streng wissenschaftlich, d. h. be-wußt einseitig mit dem Intellekt arbeitenden theoretischen Men-schen. Nur der Intellektualist kann glauben, das Wissen vermögeuns zu einer Weisheit zu führen, welche diesen Namen verdient.Sollte jemand in solcher Bescheidung eine moderne Schwächesehen, so sei er erinnert an Platons Worte über den, der das Wissenbesitzt: rö /uev ao<p6v, ca <J>aZd qe, xaküv e/noiye, iieya elvatöoxeZ xal dscp jiovm tiqetceiv xo <5e r) (piloaocpov fj roiovrov rtij.ä?.?.6v xe äv avrcp äo/uhxoL xal e/i/ieXegxeococ; eyoi. Als Platonso dachte, war das Abendland und seine Wissenschaft doch wohlnoch nicht dem Untergange geweiht. Eher ist zu fürchten, daßdie misologische Modephilosophie des Lebens zum Tode derPhilosophie als Wissenschaft führt, falls sie zur Herrschaft ge-langt. Ich glaube daher dem Leben der Philosophiezu dienen, wenn ich diese „Philosophie des Lebens“ bekämpfe.
Heidelberg, im Mai 1922.
Heinrich R i c k e r t.