Druckschrift 
Christliche Kunstsymbolik Und Ikonographie : Ein Versuch die Deutung und ein besseres Verständniss der kirchlichen Bildwerke des Mittelalters zu erleichtern
Entstehung
Seite
XXXVII
Einzelbild herunterladen
 

XXXVII

stische Tendenz, die sich seihst in dem unsterblichen Dantewiederfindet, war das urafliessende Blut in der Kirche, in derPhilosophie der Zeit, in der Poesie. Die grosse Ausführlich-keit und Anschaulichkeit, mit welcher in der Aurea Legendadie unterschiedlichen Situationen und Zustände der Heiligenerzählt werden, war für die Maler eine um so grössere Auf-forderung, sich an diesen goldnen Bronnen zu wenden, da siebereits demselben Buche das Verständniss der älteren über-kommenen Kunstwerke zu verdanken glaubten. Jemehr aberdie mystische Theologie, die alte gemeinsame Grundlage, ver-loren ging, desto willkürlicher werden seit dem Anfang dessechzehnten Jahrhunderts die Darstellungen kirchlicher Gegen-stände. Mit der neuen Welt der Anschauungen, die sich mitdem Wiederaufblühen der Wissenschaften hervorthat, hatte mansich auch der römischen und griechischen Mythologie zuge-wendet und die Darstellnng der heiligen Geschichte wurdenicht selten von dieser Seite her auf eine Weise verun-reinigt und durch willkürliche poetisch ästhetische Auffassungverunstaltet, dass man es von da an aufgeben muss, die kirch-lichen Kunstdenkinäler aus dem christlichen Leben und derchristlichen Geschichte erklären zu wollen. Was Italien be-trifft, von wo diese verderbte Dichtung zunächst ausge-gangen war, so offenbart sich auch hier wieder jenes Gesetz,dessen wir gleich im Eingang unseres Aufsatzes Erwähnunggethan. Die weltliche gottlose Richtung dieser Zeit musstejetzt in den Werken der Kunst ein Zeugniss ablegen. Wiestreng sich aber die Bildwerke, die zur Ausschmückung derKirchen bestimmt waren, bis an die Zeit des grossen Um-schwungs dem alten leitenden Princip angeschlossen hielten,ersieht man aus der Beschaffenheit der Wand- und Decken-gemälde, die von der späteren Verbesserungswuth verschontgeblieben sind. Vergl. J. G. Müllers vortreffliche »Darstellun-