XXXVI
für die Ausbildung der Legenden geworden, denn diese fielallgemach einer ähnlichen Behandlung anheim.
Ich komme jetzt auf Jacob vonVoragine zurück. In der zweitenHälfte des dreizehnten Jahrhunderts ist die Aurea Legenda ver-fasst.*} Die ungeheuerste Materialiensammlung lag vor. Sie warbereits, wie eine reiche Erbschaft, von den Poeten angetretenworden. Das grössere Publicum war schon mit diesen Stoffendurch die geistlichen Romane vertraut geworden. Eine Mengeeinzelne Reim-Legenden waren da, die sich unter einanderliehen und borgten. Jeder Diücesanheiliger wurde, nach demVorbilde der apokryphischen Evangelien zum symbolisch-my-stischen Ausdruck christlicher Ideen gemacht. Das ist derSchlüssel zu dieser Gattung von Literatur.
Jacob von Voragine hat sich wenig nach den Quellen um-gesehen , aus denen diese verworrenen Sagen herfliessenmochten; er hat, gleich den Dichtern des dreizehnten Jahr-hunderts, jene Traditionen in ihren Gruppen zusammengefasst.Dadurch hat er einen grossen Vorrath morgenländischer, by-zantinischer und alter abendländischer Legenden bewahrt, apo-kryphischer Legenden, die als Fortsetzung der apokryphischenEvangelien gelten können, nach deren Muster sie auch be-handelt sind. Der grosse Beifall, den die poetischen Behand-lungen der mystischen Sagenkreise gefunden, musste natürlichauch der Verbreitung der Aurea Legenda förderlich werden.Man betrachtete sie in der Folgezeit als den Sagenschatz, ausdem neue Compositionen vorzunehmen, die älteren zu erklärenseien.
Man muss sich in die Zeit versetzen können, in der dieabendländische Kunst sich freier zu regen begann. Die my-
*) Legg. SS. per anni circvilum venienlium, in 177 Abschnitten,auch Ilisloria Lombardica genannt. Sehr oft gedruckt.