XXXIII
lassen, mit einer tiefer zu fassenden psychologischen Ent-wickelung der südeuropäischen Völker möchte in Verbindungzu setzen sein, dass diese Poesien sag ich, der Entfaltunggewisser Seelenkräfte, vornämlich der Phantasie, besondersförderlich waren; dass das Wohlgefallen an diesen Productionenähnliche Versuche in der Heiligengeschichte herbei geführt,zumal da sich durch die überhand nehmenden Reliquienzum Theile wenig bekannter oder völlig unbekannter Heiliger(aus fernem Oriente heimgebracht), so wie endlich in dem Rang-verhältnisse der gleichfalls zunehmenden Mönchsorden Veran-lassung fand: immerhin aber muss bei all diesen Berücksich-tigungen, auf gewisse innere Zustände der Kirche der Blick ge-richtet bleiben, wenn man die Ausbildung des Legendenwesens,wie es z.B. in der Aurea Legenda vorliegt, objectiv erkennen will..Das ganze kirchliche System war innerlich und äusserlichvollendet, die Lehrmeinung war nach allen Seiten hin fixirt,der hierarchische Bau der sichtbaren Kirche war aufgeführtund darum konnten die geistigen Anstrengungen, die zur Voll-führung dieses Riesenbaues nothwendig waren, einigermassenausgesetzt oder nach einer ganz neuen Seite hin gewendetwerden. Der märchenreiche Orient hatte seit den Kreuzzügenseine Schätze aufgethan ; die reizenden Geschichten und Sagen,welche die Kreuzfahrer und Pilgrimme heimgebracht hatten,regten im Abendlande schlummernde oder niedergehalteneSeelenkräfte mit einem Male auf. Man wandte sich mit ent-schiedener Vorliebe den weithergebrachten Stoffen zu, wie inder Ritterpoesie, so in der Legende. Man freute sich desneuen Erwerbs und naschte, wie ein Kind, von der fremdenFrucht. Nicht aber in der Neuheit allein lag der Reiz diesermorgenländischen Sagen und Fabeln. Der überreiche Zuschussvon Legenden und Wundern der aus dem Osfen mit herüber-gezogen , war bei der vorwiegenden Stimmung des Volks um