XVI
Erst nachdem die Bestimmungen des Nicäischen Concilsnach allen Seiten hin in der grossen Gemeinde regulativ undNorm geworden und nachdem sich die streitenden Lehrmei-nungen der pliilosophirenden Geister bis zum sogenannten Atha-
chen und selbst in Schnitzwerken an bürgerlichen Utensilienwird Zeugniss abgelegt von der Verbreitung der mystischenTheologie, die durch die Biblia pauperum so recht eigentlich inden grösseren Kreis der Gesellschaft eingeführt war. Mag esder Reiz des Alterthümlichen gewesen sein, oder die Lust angeheimer Mysterien Weisheit, die jene Bildwerke immer in grossemAnsehn erhallen haben! So findet sich in zwei protestantischenKirchen zu Nürnberg eine mystisch-allegorische Darslellung derGeburt Christi, die für diese Gattung von Bildern recht inslruclivist, Das Mittelbild, ein längliches Parallelogramm stellt die Ge-burt dar. In vier Dreiecken — deren Basis je eine Seite derlänglichen Parallelogrammbilder bilden und die dadurch entstandensind, dass das mittlere Parallelogramm in ein grösseres schräg-winkliges Parallelogramm eingesetzt wurde — sind folgendesymbolische Bilder: 1) das Einhorn läst sich von einer Jungfraulängen; 2) der Pelikan säugt seine Jungen mit Herzblut; 3) derVogel Phoenix verbrennt sich; 4) eine Löwin mit ihren Jungen.Um die der Basis gegenüberliegenden Winkel des Dreiecks ist einKreis gelegt. In diesen vier Kreisen sind die Bildnisse der vierEvangelisten. Die letzten vier Ecken, die noch an dem Bildebis zum Rahmumfange übrig bleiben, sind mit alttestainent-lichen Typen ausgefüllt und zwar I) Moses vor dem bren-nenden Busche; 2} Aron kniend am Altäre vor der blühen-den Ruthe; 3) Gideon kniend vor dem Widderfell und 4) einMann kniend vor einer wohlverschlossenen Thüre- Ueberallsind Inschriften, die ebenso wie die Bilder nur dem Eingeweih-ten verständlich sein konnten z. B. liaec porla clausa nonpermansit sine causa — liaec madet tellus, sed permanet aridavellus (Fell, für pellis. — Das Bild zu St. . Sebald mitdeutscher Umschrift ist älter, als jenes in der Lorenzkirche mitlateinischer Inschrift.) bei Gideon; hic contra morem produxitvirgula florem u. s. w. — Wir sehen überall Beziehungen aufdie wunderbare Geburt Christi. Solcherlei Bilder waren gewissan allen Orten vorhanden. Auch ist es nicht unwichtig, dassman solchen — der Menge unverständlich gewordenen Bildern —meist ein fabelhaftes Aller zuschreibt.