XII
völlig im Dienste der Religion und Kirche stand, so wurdeihr jetzt, als einer freien losgelassenen Kraft, eine Bedeutungund eine Sphäre angewiesen, in der sie ihre ganze Naturund ihre wahre Aufgabe verlieren musste. Kin willkürlichesErgehen in der Phantasie; ein Verwischen fester überlieferterCharaktere; ein weltliches Spiel mit dem Ernst und der Hei-ligkeit; zunehmendes Wohlgefallen ari~ den lasciven Reizen,entschiedene Weltlichkeit u. dgl. m. traten an den Platz jenerVorstellungen, die, aus dem Wesen und den Schicksalen derchristlichen Kirche hervorgegangen, seit vielen Jahrhundertenüber die Gemüther grosse Macht ausgeübt und den Menschenüber die kümmerlichen Verhältnisse des Tags hinaus gehobenhatten. War einmal diese Kunst von der Religion emanzipirt,so musste sowol sie selbst wesentlich alterirt werden, alsauch die richtige Würdigung derselben schwinden. Denn siehatte sich nur mit der Form des Glaubens und der innerenGestaltung der Kirche Hand in Hand entwickelt. Die kirch-liche Kunst musste also untergehen, so wie sie diese natür-liche Grundlage und Stütze verlor. Jede Kunstentwickelunggeht gleichen Schritt mit den unterschiedlichen Zuständen,denen des Menschen Seele, wie die der Völker unterworfenist. Immerfort lässt der Menschengeist seine liebsten Gedankenheraustreten in die Welt der Anschauung und legt so dennachfolgenden Geschlechtern Zeugniss ab von dem, was ihnbeseelt, was den Inhalt seines Lebens ausgemacht hatte. Die-ses innige Verhältniss, welches sich wie ein Aeusseresund ein Inneres darstellt, tritt aber nirgends so durchsich-tig, so fest auf, als da, wo sich die Kunst in den Dienst derreligiösen Ideen gestellt hat. Die bildende Kunst schreibtdann gleichsam mit einem Storchschnabel alle Wege, Abwegeund Umwege nach, auf denen der menschliche Geist geführtwurde, auf denen er sich durchgerungen hatte. So würde