XXXIX
Ursubstanzen zeigen die niederen Verreibungspotenzen noch eine entsprechende Färbungbzw. läßt sich der eigenartige Geruch oder Geschmack noch mehr oder weniger wahr-nehmen.
2. Bei den Verreibungen von solchen Stoffen, welche in übersättigten LösungenRekristallisationserscheinungen hervorzurufen imstande sind 1 ), können diese Erschei-nungen zur Prüfung auf die vorschriftsmäßige Anfertigung benutzt werden, da sie nochbei hohen Verdünnungen, wie der 5.—9. Dezimalverreibung, eintreten.
Die Herstellung der übersättigten Lösungen und die Ausführung dieser Prüfungenist folgende:
Die abgewogene Substanz wird mit der für jeden Stoff besonders angegebenenMenge Wasser in einen Erlenmeyerschen Kolben getan und letzterer mit einer kleinenKristallisierschale überdeckt. Die Lösung wird in dem bedeckten Kolben durch Ein-stellen in kochendes Wasser oder druch Erhitzen über freier Flamme bewirkt. Nachvollkommen beendigter Lösung bleibt der Kolben noch 5—10 Minuten in der Wärmestehen und soll dann langsam an der Luft erkalten.
a) Stoffe, deren übersättigte Lösungen bei Berührung mit einem isomorphen Kristalldurch die ganze Masse erstarren:
Mit einer kleinen Pipette werden vorsichtig einige Tropfen der übersättigten Lösungherausgenommen und einzeln auf eine Glasplatte gesetzt. Darauf wird mit einem kleinenvorher ausgeglühten, aber wieder vollkommen erkalteten Platinspatelchen eine kleineProbe (etwa wie ein Stecknadelkopf groß) von der zu prüfenden Verreibung genommenund in einen auf der Glasplatte befindlichen Tropfen der übersättigten Lösung gebracht.Befand sich in der Probe auch nur ein einziger isomorpher Kristall, so schreitet vonihm ausgehend die Kristallisation mehr oder weniger schnell durch den ganzen Tropfenfort, der infolge davon eine rauhe, kristallinische Oberfläche bekommt und auch meistensseine Durchsichtigkeit einbüßt. Prägnante Beispiele für diese Körperklasse sind Na-triumacetat und Seignettesalz.
b) Stoffe, deren übersättigte Lösungen bei Berührung mit einem isomorphen Kristalldiesen vergrößern, ohne dabei durch die ganze Masse zu erstarren:
Mit einer Pipette werden einige Cubikcentimeter der übersättigten Lösung heraus-genommen und in einen kleinen, mit Gummistopfen verschließbaren Reagierzylinder mitder Vorsicht eingegeben, daß der Rand und die obere innere Wandfläche des letzterennicht benetzt wird. Mit einem kleinen vorher ausgeglühten, aber vollständig wiedererkalteten Platinspatelchen wird eine kleine Probe der zu prüfenden Verreibung zu derin dem Reagierzylinderchen befindlichen Lösung hinzugefügt, sofort mit einem Gummi-stopfen verschlossen, vorsichtig umgeschwenkt und das Zylinderchen in schräger Stellungeinige Stunden der Ruhe überlassen. Waren in der Probe mikroskopisch kleine Kristallevorhanden, die dem Stoff der übersättigten Lösung isomorph sind, so sind nach dieserZeit gerade so viele mehr oder weniger große, gewachsene Kristalle und auch wohl Kristall-drusen, und zwar meist an der unteren Wand des Glases zu bemerken. Prägnante Beispielefür diese Körperklasse sind Borax und Kupfersulfat.
x ) Vgl. Ostwald, Zeitschr. f. physik. Chemie 1897, S. 289—330, und Allgem. homöopath.Zeitg., Bd. 134, Nr. 21—26.