Druckschrift 
2 (1914)
Entstehung
Seite
383
URN (Seite)
  
Einzelbild herunterladen
 

XI. Die Tintenfabrikation.

Die meisten Tinten sind chemische Erzeugnisse im vollstenSinne des Wortes, denn bei ihrer Bereitung vollziehen sich chemischeUmsetzungen, welche die Entstehung neuer und zwar färbenderVerbindungen bedingen. So entsteht durch Zusammenfügen vonGerbsäure- und Eisenvitriollösungen ein schwarzer Niederschlag,der den eigentlichen Bestandteil der älteren Tinten bildet dieseErscheinung ist übrigens die am längsten bekannte chemischeReaktion. Das Studium der Vorgänge, die sich bei der Dar-stellung und Verwendung der Tinte vollziehen, hat einen beson-deren Zweig der Chemie herausgebildet, den man mit vollemRechte als ,,Tintenchemie" bezeichnen kann. Ihr Streben istvorzugsweise darauf gerichtet, unbegrenzt haltbare und unaus-tilgbare Schriftzüge zustande zu bringen. Welche Wichtigkeitdie Lösung dieser Frage besitzt, bedarf wohl keiner weiterenErörterung, leider ist sie ganz einwandfrei noch nicht gelöst unddürfte auch kaum je gelöst werden.

Die ältesten Tinten wurden aus Gerbsäurelösungen undEisenverbindungen hergestellt, deshalb wurde auch diese Reaktionund die Bedingungen, unter denen sich brauchbare Tinten dar-stellen lassen, besonders eingehend studiert. Kommissionen,denen die bedeutendsten Chemiker des vergangenen Jahrhundertsangehörten, bearbeiteten dieses Gebiet selbst Berzdius gabeine neue Tinte, die Vanadintinte an, die leider ebenfalls dieanfangs gehegten Erwartungen hinsichtlich ihrer Unverfügbar-keit nicht ganz erfüllte.

Eine sehr wichtige Verbesserung der Tinten fällt in das Jahr1856, in dem sich A. Leonhardi in Dresden seineAlizarintinte"patentieren ließ. Dies war die erste Tinte, die eine Lösung bildete,seine Erfindung bedingte eine vollständige Umwälzung auf demGebiete der Tintenfabrikation.

Weitere bedeutende Fortschritte ermöglichte die Entdeckungder Teerfarben. Ihre Farbenpracht und Mannigfaltigkeit, wienicht minder die Eigenschaften bestimmter Kategorien gestattetendie Herstellung zahlreicher neuer Tinten in allen erdenklichenNuancen. Auch die Erfindung des Hektographs, der Stempel-farben und der Farben für Schreibmaschinenbänder war nur mitihrer Hilfe möglich, ihre Anwendung beruht auf der enormen Färbe-kraft dieser Stoffe. Doch vermochten die unter Verwendung von Teer-

383