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2 (1879) Lob - Zuneigung
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Vernunft.

Mensch zwischen seinem empirischen, individuellen Dasein und den allgemeinen Gesetzedesselben zu unterscheiden versteht, welche als etwas absolut nothwendiges, deshalb süralle Menschen gültiges sich ihm aufdrängen; und daraus beruht überhaupt die Wia-,keit, allgemeingültige Gesetze, diese in der Welt verwirklichten Grundgedanken Gottes -zu erkennen: solche Erkenntnis verdient, jemchr sie zu dem absoluten Urgrund dieserGesetze emporsteigt, in desto höherem Maße den Namen einer VernunfterkenntnisAuf dem Selbstbewußtsein beruht auch die dem Menschen eignende Fähigkeit derSprache, indem hier der Mensch den Inhalt seines Bewußtseins so sehr von Munterscheidet, so sehr objectiv sich gegenüberstellt, daß er ihn in Worten zu verkörpernund damit gleichsam von sich abzulösen vermag. Auf dem gleichen Selbstbewußtseindes vernünftigen Menschen beruht die Geschichte mit der zu ihrem Begriff gehörigencontinuirlichen Entwicklung der Gesammtheit; diese setzt voraus, daß wenigstens diegeistigen Führer auf den verschiedenen Lebensgebieten das bisher Errungene mit demInhalt des eigenen Strebens zu vergleichen, die Harmonie oder Disharmonie zwischenbeiden zu erkennen und demgemäß die bisherige Entwicklungslinie geradlinig fortzusetzenoder umzubiegen vermögen. Ebenso ist endlich klar, wie mit der Vernunft des MenschenReligion und Sittlichkeit im engsten Zusammenhang stehen. Als vernunftbegabthat der Mensch den sittlichen Trieb in sich, welcher dahin tendirt, den von Gottmit dem Anspruch aus absolute Gültigkeit ihm cingepflanzten Lebensgesetzen sich unter-zuordnen; als vernunftbegabt hat er ein Bewußtsein dieses sittlichen Triebs und seinerForderungen, ein Gewissen, sowie die Fähigkeit, diesen Forderungen in einer dersittlichen Beurtheilung unterliegenden Weise nachzukommen, indem er formal frei,wahlfrei ist; und eben dann ist die Vernunftanlage in ihm zur Entwicklung ge-fkommen, eben dann nennen wir ihn vernünftig im engeren Sinn, srei in der mate-rialen Bedeutung, sittlich frei, wenn er von diesem sittlichen Trieb seinen Willenund dessen Aeußerungen beherrschen läßt. Ebenso zeigt sich die Vernunft des Menschenin der Religion, sofern wir unter Religion im subjectiven Sinn, unter Religiositätden Geisteszustand verstehen, da die mehr oder weniger klar erkannte Beziehung zuGott Gefühl und Willen beherrscht.

Doch kehren wir von dieser Schilderung des Wesens der Vernunft zu ihrerlUnterscheidung vom Verstände zurück, so läßt sich die zwischen beiden gezogene Parallel^vielleicht noch vervollständigen. Zunächst möge darauf aufmerksam gemacht werden,!daß es hier um zwei Seiten des menschlichen Geistes sich handelt, die nur zum Behufwissenschaftlicher Betrachtung isolirt für sich ins Auge gefaßt werden, die aber inWirklichkeit immer mit einander in Thätigkeit sind, wenn gleich bald die eine, balddie andere mehr hcrvortritt. Das klare Denken des Einzelnen, wie cs dem Verständeeignet, ist nur einem Wesen möglich, welches als vernunftbegabt auch die allgemeinenGesetze alles Denkens sich zum Bewußtsein zu bringen vermag. Das vernünftigeBewußtsein der allgemeinen Dcnkgesetze ist, wenn auch oft nur als latentes Moment,in allem verständigen Denken mitenthalten. Umgekehrt bedarf die Vernunft des Ver<standes. Die für die Vernunft erreichbare Erkenntnis des Allgemeinen übersteigt nur!dann die Stufe dunkler Ahnung, wird nur dann zur klaren, diesen Namen veHdienenden Erkenntnis, wenn der Verstand zum klar aufgefaßten Einzelnen sie insBeziehung seht. In jeder Vernunftthätigkeit ist wenigstens ein Minimum von VerHstandesthätigkeit mitenthalten; wo die letztere ganz sistirt ist (wie beim vollkommeiisBlödsinnigen), ist auch die Vernunftthätigkeit erloschen. Und wenn der oben von unk'citirte Sprachgebrauch zwar den Verstand, nicht aber die Vernunft als Verlierbaibezeichnet, so mäßen wir allerdings daran festhalten, daß hier ein richtiges Gefühldavon sich ausdrückt, daß die Vernunft, nicht der Verstand, das spccifisch Menschlichsei, und können wir hier beifügen eine dunkle Ahnung der Wahrheit, daß auchin dem Wahnsinnigen, der den Verstand verloren, das spccifisch menschliche Leben noch!-schlummere, fähig, wenn auch erst auf einer höheren Daseinsstufe wieder erweckt^und seiner Vollendung entgegengesührt zu werden; aber das können wir nicht leugnen:-wer um seinen Verstand vollständig gekommen ist, der hat auch die Vernunft insofern^vollständig verloren, als beide bei ihm in den Potenzzustand zurückgedrängt sind. All»Verstand und Vernunft wirken nie das eine gänzlich ohne das andere;-auf der and e.rn Seite kann aber eines von beiden ungebührlich zurück-;