Druckschrift 
2 (1879) Lob - Zuneigung
Entstehung
Seite
60
Einzelbild herunterladen
 

60

Memorircn.

Natur des menschlichen Geistes und das Ziel aller Bildung aus den Augen verlieren,wenn man nicht auf ein verständiges Auffassen der gelernten oder zu lernenden Dingehinsteuert. Daß nach der letzteren Seite besonders in der Volksschule gesündigt wordenist, erscheint als unleugbar.

Es kommt auch hier alles darauf an, daß die Regel beachtet werde: alles zuseiner Zeit, alles in rechtem Maß und in rechter Ordnung. Im An-fänge des Schullebcns spreche man den Memorirstoff so lange vor und lasse ihn nach-sprcchen, bis er haftet, ohne alle Erklärung. Sobald die nöthige Lesefertigkeit erworbenist, tritt das eigene Lesen und lesende Wiederholen an die Stelle des Vorsprechens.Nach und nach werde die Aufmerksamkeit auch auf Sinn und Bedeutung der Wortegerichtet, aber in sehr bescheidenem Maße. Es genügt die Verständigung über dengrammatischen Sinn, über die Vertauschung eines unbekannten Wortes mit einembekannteren. Mit der Entwicklung des Dcnklebens ist auch mehr für das Verständnisdes zu memorircnden Stoffes zu thun, doch ist Vorsicht und Geduld anzurathen; denndie Kindesart der Auffassung ist vor Eintritt der Pubertät in der Regel weitaus dievorherrschende. Eine rein mechanische Behandlung des Gedächtnisstoffes kann aller-dings auch Schaden anrichtcn, aber fast noch größer dürfte der Nachtheil sein, deraus dem Bestreben, alles zu erklären, erwächst. Jene Beladung mit unverstandenemStoffe kann später unter allerlei Lebenseinslüssen ihr Corrcctiv finden und der sichermemorirte Stoff bildet eine Grundlage, aus der unter günstigen Umständen nochallerlei werden kann; das vorzeitige Verständeln aber beeinträchtigt die Einfalt desjungen Geistes, seine gesunde Entwicklung, läßt vor lauter Erklärung nicht zur Klar-heit kommen, verhindert Sicherheit und Gründlichkeit, macht oberflächliche Raisonueureund kann eine „Verdummung" herbeiführen von nur etwas scheinbarerer Form alsjene, die dem einseitigen Memorirmechanismus zur Last gelegt wird.

Daß bei dem Memorircn auch sonst die Regeln einer gesunden Didaktik einzu-halten sind, daß man Größe und Schwierigkeit der Aufgabe nach der Kraft desSchülers bemesse, daß man eine gewiße Ordnung und Regelmäßigkeit einhalte u. dgl.,versteht sich von selbst. Namentlich dringe man auf eine saubere, sorgfältige Leistung,auf ein sicheres Wissen und Können als nächsten Lohn für die ausgewendete Mühe,dulde beim Hersagen kein Stocken, Stottern, Wiederholen, kein Bedecken der Verlegen-heitslücken mit der von C. L. Roth entdeckten „neuen Jnterjection," lege Gewicht auflautes, deutliches Sprechen, und wache besonders da, wo es sich um ganze Stückevon sachlichem oder sprachlichem Werthe handelt, über entsprechend langsamem, wohlarticulirtem und richtig betontein Vorträge (s- d. Art. Abhören). Das Memorirtewerde von Zeit zu Zeit wiederholt; denn wie meisterlich oft Schüler jene Kunst hand-haben, die Themistokles der besten Mnemonik vorgezogen hätte, ist jedem Lehrer bekannt.— In der Volksschule, die ihre Kinder noch in den Kinderschuhen entlassen muß,würde nichts nachtheiliger wirken, als eine ungebührliche Beschränkung des Memorir-stoffs, namentlich des religiösen. Das Ergebnis ihrer Thätigkeit wäre damit großen-teils in Frage gestellt. Phil. Wackernagel sagt zwar (D. Lesebuch IV, 98): „Ichkenne Menschen, die nie etwas auswendig gelernt und doch viel auswendig wissen."Mag sein. Aber wer möchte daraus die Regel für. alle ziehen: also lasse man nichtsauswendig lernen!? — Und weiter: „Wer etwas inwendig weiß, weiß es auch leichtauswendig." Auch richtig; darum möge man „das eine thun und das anderenicht lassen."

Auf die Frage nach dem Memorirstoff ist der Lehrer nicht verleben; dennauf den Acker des Gedächtnisses wird bei jedem Lehrfache mehr oder weniger gesät.Namentlich aber bietet sich dazu dar Sprache und Gottes Wort.

Schon die Muttersprache, wiewohl sie im gewöhnlichen Umgang ohne Müheerlernt wird, lädt dazu ein, das Gedächtnis der Jugend mit dem Besten und Schönsten,was in ihr zur Blüte und Frucht gekommen ist, zu befrachten, cs geschehe nun durchöfter wiederholtes Vorführen, Lesen und Lesenlassen von musterhaften Sprachstückenoder durch eigentliches Memorircn. Besonders eignen sich dazu dichterische Stücke,weil sie Wahres und Gutes auch in schöner Form geben und dadurch den Sinn fürdas Schöne wecken und bilden und weil mit dem Wohlgefallen an dem musikalischenGang und Klang der Worte auch Sinn, Geist und Gemiith der lernenden Jugend