Mäßigkeit und Unmäßigkeit.
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Zucht und Beispiel, später durch Belehrung zur vollkommenen Gewohnheit werdenmuß, damit der Mensch in seinem, selbständigen Leben um so eher in der Lage sei,seinem Verstände, welcher ihn durch die Erfahrung an andern und durch eigene Probenüber die unmittelbaren und mittelbaren Gefahren der Unmäßigkcit belehrt, und seinerVernunft, welche ihn jede Unterjochung seines besseren Jchs durch die übermächtiggewordene Sinnlichkeit als schmählich erkennen läßt, auch gegenüber den Versuchungendes Lebens Folge leisten zu können. Tie Mittel hiezu sind in der That einfach undleicht zu handhaben, wofern nur zur rechten Zeit der Anfang gemacht und mit rechtemErnst ihre Anwendung überwacht wird. Es ist schon im Säuglingsalter der sinnlicheTrieb durch seine richtige Befriedigung und die strenge Ordnung in: Gewähren zuzügeln und jeder Anlaß zur Erweckung übermäßiger und unstatthafter sinnlicher Be-gierden abzuhalten; eine frühzeitige Ucbcrwachung ist um so nothweudiger, als es inder menschlichen Natur liegt, daß das Bedürfnis nach Speise und Trank nicht bloßeinfach befriedigt, sondern durch den sich rasch entwickelnden Sinn für Wohlgeschmackund die gebotene, mit dem Alter zunehmende Mannigfaltigkeit der Nahrungsmittel dasEssen und Trinken zum Genüsse erhoben wird. Nicht selten liegt übrigens der Grund,warum sich zumal bei kränklichen, mit der englischen Krankheit oder mit Scrophelnbehafteten Kindern eine unnöthige Eßlust oder bei andern eine pathologische Nasch-haftigkeit einstellt, lediglich in einer gestörten Function des Magens und einer dadurchgegebenen anomalen Aeußerung des Gefühles von Nahrungsbcdürfnis; unter solchenUmständen müssen den pädagogischen Mitteln diätetische und medicinischc vorangehcu.
Für den Erzieher liegt die Hauptsache in dem Fernhaltcn, in der späteren Kind-heit in dem sparsamen Gewähren aller Genüsse, welche den Gaumen kitzeln, ebensoin der strengen Einhaltung der Zeiten des Essens; durch das Maßhalten in derMenge verhütet man die Angewöhnung an Gefräßigkeit, durch die strenge Ordnungbeschränkt man den sinnlichen Trieb und die sinnliche Lust auf das rechte Maß. EinKind, welches zu essen bekommt, so oft es ihm einfällt, dessen Gaumen man unzeitigmit Süßigkeiten kitzelt, dem man nichts vom Tische der Erwachsenen und nichts außerder Zeit versagen kann, oder dem man gestattet, unliebsame, einfache Speisen zu ver-schmähen, muß nothwendig sich an sinnliche Begehrlichkeit gewöhnen; hier fehlt esalsdann am Gehorsam und an der guten Richtung des Willens, daher die Folge, daßdie sinnliche Begierde leicht zu schlechten Mitteln verführt wird, um die Lüsternheitund Naschhaftigkeit zu befriedigen; hieher gehört auch die Unart, daß das Kind beijedem, welchen es essen sieht u. s. w., zudringlich fordert, oder daß es das Gewünschtedurch Schmeichelei erschleicht. Ganz angemessen ist dagegen die ausnahmsweise Ge-währung von Genüssen dieser Art, nicht nur um der Freude des Kindes willen, sondernauch um es durch dieses nur zeitenweise Gestatten an das Entbehren und die Zu-friedenheit mit dem Dargereichten besser zu gewöhnen.
Später, wenn die Regel vollkommen eingclcbt ist, weiche man der Kräftigungdes Magens wegen manchmal ab, lasse bei besonderen Gelegenheiten mehr und außerder Zeit genießen; immer aber versage man Genüsse, welche für den nicht erwachsenenMenschen nichts taugen, namentlich verbiete man bei den Jungen den Tabak, einnarkotisches Gift, welches nur für den gesunden Erwachsenen nach voller Angewöhnungund bei mäßigem Gebrauche meistens unschädlich ist.
Für das spätere Alter, so weit es noch in den Bereich der Thätigkeit des Er-ziehers gehört, hat als ein weiteres und wesentliches Stück die Belehrung über dieFolgen der Unmäßigkeit für die leibliche Gesundheit und für die Sittlichkeit hinzu-zutreten und ist das Ehrgefühl des jungen Mannes zu erwecken. In erster Beziehunghalte man besonders der Berufung auf schlimme Altersgenossen, welche sich trotz ihrerUnmäßigkeit guter Gesundheit erfreuen, die allgemeine Erfahrung entgegen, daß sichder Schaden an der Gesundheit, wenn auch spät, doch regelmäßig einstellt; es wirdauch nirgends an warnenden Beispielen aus dem Kreise der Bekannten fehlen. So-dann ist mit Ernst der sittlichen Gefahren zu gedenken, die sich aus jeder die ver-nünftige Willensbestimmung der aufgeregten Sinnlichkeit unterwerfenden Schwelgereiergeben; der Unmäßige bleibt selten oder nie der Mann, um der Verführung zumDienste der Venus zu widerstehen.
Sodann muß sich der „Gebildete," welcher grobsinnlichen Genüssen sich hingiebt,