98
Erholung.
in einer vollständigen Revolte begriffen ist, vom Abend bis fast zumMorgen in dem von Musik durchbrausten, vom blendenden Gaslicht:erhitzten und von einer Symphonie von Parfümen durchzogenen Ball-saale. Wenn’s gut geht, tanzen sie bis zur äufsersten Erschöpfung undkehren dann in aufgeregtem Zustande nach Hause zurück, ohne diedem Nervensysteme so notwendige Ruhe finden zu können. Wie aber,wenn man sie vernachlässigt? »Eine Dame, die nicht aufgefordertwird,« heifst es in einem bekannten Anstandsbuche, »soll dieses Mifs-geschick mit Ruhe tragen. Wenn sich das Herz dabei auch krampfhaftzusammenziehen mag, so soll doch kein Zug ihres Gesichtes die Ent-täuschung und die übele Laune verraten. Scheinbar mit derselbenFreude soll sie als Zuschauerin an dem Tanze teilnehmen, wie siesolche als Tänzerin empfinden würde 1 ).«
Dazu ist die allzu frühe Einführung in das gesellschaftliche Lebennicht einmal praktisch unter einem Gesichtspunkte, der bei den Mütternbegreiflicherweise eine grofse Rolle spielt. Die Mädchen werdenvor der Zeit alt und ziehen sich mit 19—20 Jahren bereits von denBällen zurück, auch wenn ihnen das Glück noch nicht gelächelt hat.Die heiratsfähige Männerwelt aber, wenn sie nicht gerade in Familiegeladen ist, spöttelt über das »Lämmerhüpfen« und zieht den Aufent-halt am Stammtisch demjenigen im Ballsaale vor.
So sehen wir denn, dafs es sich — Ausnahmen abgerechnet — inkeiner Beziehung empfiehlt, den Schulbesuch mit dem vollendetenvierzehnten Jahre einzustellen. Eine mäfsige Zahl von Schulstundenfür die beiden folgenden Jahre ist nicht allein zur Förderung der geisti-gen Bildung, sondern auch in gesundheitlicher Beziehung in den weit-aus meisten Fällen viel besser als das, was an ihre Stelle tritt; zummindesten schiebt sie den Eintritt ins gesellschaftliche Leben bis zurrichtigen Zeit hinaus.
’) Ebhardt, Der gute Ton. 8. Aufl. S. 465.