Wesen der Nervosität.
II
den Nerven eben ein eigen Ding sei«*), schafft hier doch nicht diegenügende Klarheit.
Wir können indes die sehr verwickelte Frage auf sich beruhenlassen und der Versicherung eines Mannes, wie Pelm an, wenigstens in-soweit vollen Glauben schenken, als die Nervosität ein sehr schlimmesund weit verbreitetes Übel unserer Zeit sein soll, wobei wir nicht aufseracht zu lassen brauchen, dafs nicht alle diejenigen nervös sind, welchesich so gebärden, wie ja auch nicht jeder kurzsichtig ist, der eine Brilleträgt.
Fragen wir, welche Veränderungen im Nervensysteme dem ner-vösen Zustande zu Grunde liegen, so vermögen uns die Physiologenund Ärzte bis jetzt nur zu antworten, die Funktionsstörungen müfstennotwendig bestimmte, wenn auch nicht wahrnehmbare, sogenannte Mole-kül ar-Veränderungen zur Voraussetzung haben. Emminghaus sagt:»Die pathologische Anatomie der Cerebralneurasthenie, welche wohl nurmikroskopische Veränderungen der Gehirnsubstanz zu erwarten hat, istnoch nicht begründet« 1 2 ). Dafs wirklich eine (nach Arndt orga-nische) Veränderung dem krankhaften Zustande zu Grunde liegt, be-weist der Umstand, dafs sich derselbe vererbt. Alle Ärzte sehen dieVererbung als die mächtigste Ursache der Nervosität an; Arndt 3 ) be-hauptet sogar, letztere sei zumeist ererbt, bezw. durch Vorgänge beider Geburt (Kopferschütterungen) erworben, komme aber erst später durchmancherlei Einflüsse zur Entwickelung. Einem Aufsatze Eulenburgsin der Vossischen Zeitung zufolge sind zehn Prozent aller Kinder erb-lich nervös belastet 4 ).
Wenn es erlaubt ist, von der Vererbung der Geisteskrankheitenauf die Vererbung der Nervosität zurückzuschliefsen, so tritt uns zunächstdie erfreuliche Thatsache entgegen, dafs der Vererbungsprozefs auchregressiv verlaufen kann, indem schliefslich gesunde und gesundbleibendeIndividuen aus einem mit Nervenschwäche belasteten Stamme hervor-gehen 5 ). Leider aber bleibt die progressive Vererbung doch die Regel,
1) Pelman a. a. O. 5 . 9.
2 ) Emmingliaus, Die psychischen Störungen im Kindesalter, S. 140.
3 ) Eulenburgs Realencyklopädie XIV, 296.
■t) Leipziger Zeitung vom 3. Februar 1890.
5 ) Emminghaus, Die psychischen Störungen im Kindesalter, S.32L — Cul-l&re, Die Grenzen des Irreseins. Deutsch von Dornblüth. Hamburg 1890.