Wesen der Nervosität.
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nicht, weil der Laie das Wesentliche und oft allerdings Feine in derZeichnung nicht zu erkennen vermag, falls er nicht bereits medizinischeWerke um Rat gefragt hat.
Wir müssen also in Ermangelung eines Besseren dennoch zur Auf-zählung einiger wichtiger Krankheitszeichen schreiten, welche wir nachdem bereits Gesagten nicht mehr mit einer Warnungstafel zu versehenbrauchen.
Ein sehr häufig vorkommendes Merkmal beginnender Nervosität istes, wenn man morgens regelmäfsig ohne Stärkungsgefühl, mit ein-genommenem Kopf oder gar mit Kopfschmerzen erwacht und sich nichtzur Arbeit aufgelegt fühlt, abends dagegen ein ungewöhnliches Wohl-befinden, geistige Regsamkeit und Lust zu geistiger Thätigkeit besitzt.Im weiteren Verlaufe tritt häufig Schlaflosigkeit, heftiges Aufschreckenim Schlafe und Nachtwandeln ein.
Weiterhin verlieren die Empfindungsnerven ihre ursprüngliche Wider-standskraft, und die Bewufstseinsschwelle wird niedriger, d. h. Reize,welche man im gesunden Zustande gar nicht oder doch nur angemessenempfindet, kommen jetzt zum Bewufstsein, lösen unangemessen starkeEmpfindungen aus (Zustand der Hyperästhesie). Namentlich ist es derGeruchs- und Geschmackssinn, welcher eine solche Verfeinerung in un-zweifelhafter Weise erkennen läfst. Eine nervenkranke Dame konntedurch mehrere Zimmer hindurch die Anwesenheit von Kirschen alleindurch den Geruch wahrnehmen und war imstande , die verschiedenenPersonen ihrer Umgebung ebenfalls blofs durch denselben zu erkennen.Hochgradig Nervöse schmecken oft jede kleine Veränderung an ihrerMedizin heraus, und in ihrer Speise bleibt nicht das kleinste KörnchenSalz oder Gewürz verborgen 1 ).
Doch auch die anderen Sinne zeigen sich mitunter in ähnlicherWeise verfeinert. Eine - mir bekannte Dame vernahm im geschlossenenWohnzimmer das Geräusch, welches durch das Schälen gekochter Kar-toffeln in der Küche entstand. Kräftigere Licht-, Schall- und Tempera-turreize verursachen oft förmliche Schmerzempfindungen und haben nichtselten sogar Krämpfe im Gefolge.
Ferner verkehren sich die Sinneswahrnehmungen dergestalt, dafs
') Rudolf Arndt in Eulenburgs Realencyklopädie der ges. Heilkunde. 2. Aufl.X, 185.