Druckschrift 
1 (1877) A - Liebe
Entstehung
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861
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Lesegesellschaften.

Leseunterricht.

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Collegen zu senden. Am 29. Juli erhalten die drei ersten wieder eine Sendung vomVorstand; sie geben die Sendung vom 15. Juli ihren Nachfolgern und diese gebendie Sendung vom 1. Juli an ihre nächsten Nachbarn ab. So wiederholt sich fort-während ein Bücherwcchsel je nach zwei Wochen an einem und demselben Tage inder ganzen Gesellschaft. Nach sechzehn Wochen, vom 1. Juli an gerechnet, gehen diedrei Sendungen vom 1. Juli aus den Händen je des letzten Empfängers in jedemBezirk an den Vorstand zurück, der nun, was im Bezirk X gelesen worden, in denBezirk L sendet u. s. w. Jedem Buche ist ein Laufzettcl beigegeben, auf welchem derVorstand zum voraus jedem Mitglicde das Datum notirt, wann er dasselbe zu em-pfangen und wann er es abzugeben hat; in einer dritten Columnc haben die Mit-glieder selbst den Tag der von ihnen geschehenen Weitersendung einzutragen. Nachdruckerhält solche Einrichtung immer nur durch Conventionalstrafen, die in die Kasse fallen.Ist aber die Sache einmal im Gange, so gewöhnen sich alle bald an die Ordnungund fühlen das Wohlthätige derselben. Allerdings müßen dazu auch die Mittel reichen;aber die Proportion stellt sich immer wieder her: je mehr Mitglieder es sind, destomehr braucht man zwar Bücher, desto mehr gehen aber auch Beiträge ein. Die ausder gesammten Circulation zurückkehrcnden Bücher werden entweder zu einer Bibliothekfür den Gebrauch der gegenwärtigen und künftigen Mitglieder gesammelt oder inErmangelung eines passenden Locals zur Aufstellung unter denselben versteigert. Letz-teres ist freilich keine staatsökonomische Maßregel, denn vieles wird elend verschleudert,doch erhält andererseits mancher dadurch Gelegenheit, ein Buch, an dem ihm sehr ge-legen ist und das er anderswie sich nie anschaffen könnte, um wenig Geld zu erwerben.— Die Frage endlich, wer der Leiter einer solchen Gesellschaft sein soll, ist da, wodie ganze Einrichtung gesetzlich besteht, auch gesetzlich erledigt. Wo aber diese Vereineauf freiwilligem Zusammentritt beruhen, versteht es sich von selbst, daß sie ihren Vor-stand frei wählen. Wer es auch sei, er wird nur daun dieses nicht unwichtige Amtrecht versehen, wenn er ein in der Literatur, und zwar keineswegs nur in Einem Zweigderselben, bewanderter, auf alle Zeiterscheinungen aufmerksamer und gründlich urtheils-fähiger Mann ist, der auch mit einer tüchtigen Buchhandlung in Verbindung steht,die ihn stets auf dem Laufenden erhält. Der Gesellschaft ist er verantwortlich sowohlwas die Verwendung der Gelder überhaupt anbelangt, als auch in Betreff der Wahlder Bücher. Er wird die bestimmten Wünsche seiner Gesellschaft möglichst berück-sichtigen, was jedoch periodische Schriften sind, so ist deren Anschaffung gemein-schaftlich zu beschließen. Aber cs muß ihm nach anderer Seite auch freie Hand ge-lassen werden, um, was nach seinem Urtheil sich eignet, sofort anschaffen zu können.Auch was manchem nicht gefällt, was vielleicht dem Geschmacke der Mehrzahl positivzuwider ist, kann gerade das Beste, das ihnen Gesunde sein; ein Mann, dem auchsolch ein Beruf Gewissenssache ist, wird eher sein Mandat niederlegen, als daß er sichzum Spediteur schlechter, wenn auch beliebter Waare erniedrigen läßt.

Leseunterrchit. Das Bemühen, den Begriff des Lesens zu dcfiniren, hat imLaufe der Zeit zahlreiche Versuche hcrvorgcrufen. Leider fehlt den meisten derselbendie nöthige Schärfe und Bestimmtheit. Wenn Niemeyer sagt: „Das Lesen ist nichtsanders als die Verwandlung des Sichtbaren in das Hörbare" oder wenn Stephanierklärt: „Bei unserer Sprache besteht die Kunst zu lesen in der Fertigkeit, die stimmt-,lichen Buchstaben eines jeden Wortes nach ihrem eigenthümlichen Laute und nach dervorgeschriebcnen Ordnung in einem oder mehreren Stimmabsätzen auszusprechcn," soist klar, daß bei diesen Erklärungen nur das Lesen einzelner Wörter und zwar daslaute Lesen allein ins Auge gefaßt ist. In denselben Fehler sind viele spätere,Pöhlmann, Krug, Henrike, Graser, Schulze, Gräfe u. a. verfallen; es möge hier nurnoch die Definition des letztgenannten Platz finden. „Das Lesen besteht in nichtsanderem, als in der Fertigkeit, das durch die Schriftsprache oder durch die Buchstaben-schrift (da wir nur diese anzuwenden pflegen) Ausgedrückte in die Lautsprache über-zutragcn und so uns zum Verständnis zu bringen. Durch das Lesen verstehen wirdemnach die vermittelst der Buchstabenschrift sichtbar ausgedrückten Gedanken und Em-pfindungen nicht unmittelbar, sondern nur durch das Mittel der Lautsprache, desSprechens." Am zutreffendsten erscheint uns die Erklärung, welche Stockmayer gegebenhat: „Lesen ist ein durch Zusammenfassung der auf einander folgenden Schriftlichen