Druckschrift 
1 (1877) A - Liebe
Entstehung
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Lchrton.

Forderung aufzustellen, daß der Lehrer überhaupt einen Lehrton habe, als den Aus-druck einer in allein Wechsel gleichmäßig sich behauptenden Grundstimmung und daßsein persönliches Verhältnis zu seiner Berufsarbeit nicht bloß stoßweise und regelloshervortrete, gleichsam als ein widerwärtiges, unregelmäßiges Geräusch, welches verräth,daß die Seele des Lehrers bald zu schlaff besaitet ist, um einen bestimmten Lehrtonüberhaupt hervorzubringen, bald, von persönlicher Gereiztheit überspannt, zur völligzerrissenen Saite wird. Die rechte Stimmung nun, aus welcher der rechte Lehrtonhervorgeht, wird der Lehrer dann besitzen, wenn er durchdrungen ist von dem Be-wußtsein der Aufgabe seines Berufes und von der Begeisterung, für die Lösung dieserAufgabe zu wirken, wenn er jeden einzelnen Schüler auf diese Aufgabe bezieht, undwenn er in seinem jedesmaligen Lehrgegenstande auch ein Mittel erkennt, um zu demvorgesteckten Ziel zu gelangen, und ihn demgemäß behandelt. Dann wird der Lehrerbewahrt bleiben vor jener tonlosen und ertödtenden Gleichgültigkeit bei seinem Unter-richt, und der volle Brustton heiliger Liebe wird in seinen Worten den eigentlichenGrundton bilden und sowohl das rauh tönende Erz unhciligen Zornes, als dasSchellengcklingel erbitternden Spottes Niederhalten. Als einzelne Eigenschaften einesguten Lehrtons heben wir noch hervor, daß er rein sein muß, nicht zu stark undnicht zu schwach, nicht zu hart und nicht zu weich, nicht zu hoch und nicht zutief, und daß er das richtige Tempo einhalten muß.

Auf die Quelle eines reinen Lehrtones weist der Apostel Paulus in dembereits berührten Worte hin (1 Kor. 13, 1): „Wenn ich mit Menschen- und mitEngelzungcn redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eineklingende Schelle;" und auch das Wesen der Liebe bezeichnet er auf das bündigste mitder Bemerkung, daß die Liebe nicht das Ihre suche. Die Liebe sieht vielmehr aufdas, das des andern ist (Phil. 2, 1), die erziehende und lehrende Liebe darauf, daßan dem Zöglinge zu dessen wahrem Heile der heilige Wille Gottes verwirklicht werde.Je mehr der aufrichtige Lehrer sich sagen muß, wie weit er noch hinter diesem Zielzurückbleibt, desto weniger blähet seine Liebe sich; und darum hält sie den Lehrtonrein von dem Tone der unwahren Affectation selbstgefälliger Eitelkeit, und von demhohlen Pathos sich spreizender Aufgeblasenheit, welche vergeblich den Mangel einerunmittelbar durch sich selbst wirkenden Auctorität zu ersetzen sucht. Weil aber dieLiebe nicht das Ihre sucht, so ist sie auch langmüthig und freundlich und bricht nichtin den unreinen Ton ungeberdigcn Eifers aus, wenn die Schwäche, die Trägheit undGleichgültigkeit des Zöglings nicht sogleich leisten will, was der Lehrer fordert undwünscht. Selbst durch den noch ungebrochenen Eigensinn und bösen Willen desSchülers läßt die Liebe sich nicht erbittern, sondern nur um so mehr auffordern, dasBöse mit Gutem zu überwinden, und so bewahrt sie den Lehrer vor den unreinenAusbrüchen des unheiligen Zornes persönlicher Gereiztheit, und lehrt ihn dagegen denrechten und eindringlichen Ton heiligen Zornes über die durch bas Vergehen des Zög-lings dem Gesetze widerfahrene Verletzung finden. Noch weniger geht aus der Stim-mung rechter Liebe der unreino Ton verletzenden Hohnes und Spottes hervor. DerSpott erzeugt da, wo der Höhnende zu dem Verhöhnten in einem Auctoritätsverhält-nisie steht, verhaltene Erbitterung gegen den Spötter, welchem nicht erwidert werdendarf, oder dieser hat es sich selbst zuzuschreiben, wenn die mißbrauchte Auctorität diewünschenswerthe Pietät nicht mehr findet, sondern auch wohl einmal durch einen ge-waltsamen Ausbrnch des gereizten Zöglings verletzt wird. Der Erzieher, welcher durchsein eignes väterlich liebevolles Verfahren auch der Liebe seiner Zöglinge sich versicherthalten kann, darf es im einzelnen Falle, zumal bei reifer» Zöglingen, wohl wagen,dem Eitlen, Vorlauten, Anmaßenden durch einen treffenden Spott seine Schwächefühlbar zu machen und ihn in die Schranken der Bescheidenheit zurückzuweisen , oderer mag eine Lächerlichkeit mit leichtem Scherz züchtigen, um zugleich den Schüler voneitler Uebelnehmerei zu entwöhnen. Wann aber ein solcher Ausnahmsfall wirklichvorhanden ist, das zu beurtheilen muß dem eignen Takte des Erziehers überlassenbleiben, und als Regel bleibt stehen, daß der wahre Lchrton am wenigsten durch An-wendung des gefährlichen Mittels des Spottes verunreinigt werden darf. Auch jeneunglückseligen, das Gefühl des Zöglings tief verletzenden und seine Thatkrast nieder-drückenden Prophezeiungen, daß aus ihm doch nie etwas rechtes werde u. dgl., stören