Druckschrift 
1 (1877) A - Liebe
Entstehung
Seite
449
Einzelbild herunterladen
 

Ferien.

Fertigkeit, Fertigkeiten.

449

Hangs, wohl auch die Verkeilung, wird am besten den nächsten Behörden überlasten,obwohl die höhcrn auf Controle auch in diesem Stück nie zu verzichten haben. Diefeste Regelung des Schulbesuchs in der Volksschule ist übrigens, auch nach Abstellungdes Unterschiedes von Sommer- und Wintcrschulen, hier und da noch so wenig populär,daß dem Volksgefühle in den Tagen der Heu-, Getreide- und Kartoffelernte, derWeinlese rc. schonende Rücksichten nicht versagt werden können. Für die höhern Schu-len sind die Sommer- oder Hundstagsfcricn in manchen Ländern schon seitalter Zeit eine zusammenhängendere Zeit der Erholung gewesen. Jetzt dürften diehöhern Anstalten fast überall 3 bis 4 Wochen unverkümmerte Sommerfericn haben.Jedenfalls ist die Vertheilung der jährlich zugelasscnen Ferienwochen in mehrereRuhezeiten dem Bedürfnis der Jugend das Entsprechendste; es kommt dadurch eineAbwechselung in das Schulleben, welche die Kraft nie überspannen und doch auch denFaden nie verlieren läßt.

Wie man nun das Jahr durch solche Ruhezeiten unterbrochen hat, so ist früh-zeitig auch die Woche so eingerichtet worden, daß sie zwei von Schulstunden freieNachmittage (Dienstag und Donnerstag oder Mittwoch und Sonnabend) erhielt.Dabei kann allerdings die Frage sein, ob es nicht zweckmäßiger wäre, nach dem Bei-spiele schottischer und englischer Anstalten statt der zwei Nachmittage einen ganzen Tag(den Sonnabend) frei zu geben. Factisch ist man z. B. in Württemberg dahin ge-langt, dieSamstagsschule" in allen Schulen durchzuführen.

Die Benützung der Ferien wird nach Verschiedenheit der Schulen natürlicheine sehr verschiedene sein. Ist nun der Hauptzweck Erholung für Lehrer und Schüler,so muß in Volksschulen sicherlich jede Einrichtung vermieden werden, wodurch wenig-stens dem Lehrer ein freieres Aufathmen versagt wäre; so gewiß als es widersinnigist, wenn Schüler (höherer Anstalten) mit Ferienarbeiten überladen werden.Daß Lehrer ihre Ferien auch zu größeren Ausflügen benützen, scheint sich jetztvon selbst zu verstehen, und bei der Leichtigkeit, mit welcher wir auf Eisenbahnen auchfernere Ziele und in kurzer Zeit erreichen können, ist die Versuchung groß. Wie be-deutend aber auch die auf solchen Reisen zu gewinnenden Vortheile sein mögen, zweifel-haft bleibt es doch, ob diejenigen wohl thun, welche mit dem Anfänge der Ferien zumBahnhofe eilen und erst in der Nacht vor dem Wiederanfange der Schule zurückkehren.Die in contemplativer Ruhe zugcbrachten Ferien haben doch auch einen eigenthümlichenReiz und bringen manchen sehr erfreulichen Gewinn.

Im allgemeinen mag noch verwiesen werden auf: Kirsch, Volksschulrecht 384 ff.,Hoffmann, Prakt. Handbuch der deutschen Volksschulverfassung rc. I. 262 f.

Fertigkeit, Fertigkeiten. Alle Processe des Lebens können mit größerer odergeringerer Lebendigkeit und Geschwindigkeit vor sich gehen. Diese psychologische That-sache in Verbindung mit der gegebenen Kraft, die Lcbensthätigkcit willkürlich unddabei mit geringerer Anstrengung hervorzurufen, begründet den pädagogischen Be-griff derFertigkeit." Während das Wort:Fähigkeit" überhaupt die günstigeBeschaffenheit zu gewißen Tätigkeiten bezeichnet, setzt die Fertigkeit eine Gestaltungder Fähigkeit zum lebendigen, willkürlichen und leichten Vollzug jener voraus undwird zur Geschicklichkeit, wenn die Handlungen zusammengesetzter und künst-licher Art sind.

Die Bildung zur Fertigkeit bietet daher für die Entwicklung des geistigen Lebenshwei Momente dar, die in pädagogischer Beziehung von Bedeutung sind. Es ist mitihr einmal überhaupt eine Steigerung des Lebensproccfses gegeben, sodann aber trägtdie Entwicklung der Fertigkeit von selbst das Element des Praktischen (im weiternSinn) im Gegensätze zum Theoretischen in sich; die Fertigkeit stellt sich, sofern sieein Können (Kunst) ist, dem Wissen als solchem zur Seite, beziehungsweise entgegen,weswegen sie auch in der Regel nie ohne energische Anwendung der Willenskraft, seies auch bloß im Anfänge des Processes, zu Stande kommt.

Es giebt ebenso viele Fertigkeiten als Vermögen und Kräfte. Eine Ausnahmedavon können nur diejenigen Seiten des Lebens bilden, auf denen die willkürlicheBhätigkeit nicht eingreifen kann eben damit im geistigen Leben der ganze Kreisdes Fuhlens. Dieses müßte, sobald es die Bestimmtheit der Fertigkeit annehmenPädag. Handbuch. I. 29