'74
Aergernis.
Um nun den Begriff dieses Verbrechens, d. h. des Aergernifses, genauer desAergernisgebens (— vom Aergernisnehmen wird unten besonders die Redewerden) näher zu bestimmen, mäßen wir specieller fragen: 1) wer diejenigen sind, diegeärgert werden? 2) wer das Subject ist, von dem das Aergernis ausgeht? undZ) welche Handlungen oder Zustände als Aergernisse prädicirt werden mäßen.
1) Geärgert werden können nur „die Kleinen", d. h. nach jener Matthäusstellesowohl die im Kindesalter stehenden, als auch die, welche im Glauben an den Herrnwieder Kinder werden. Welches Attribut sie zu Objecten möglichen Aergernifsesmacht, das ist am leichtesten zu erkennen, wenn wir erst ausscheiden, für wen es garkein Aergernis geben kann? Das ist einerseits nickt nur Gott, sondern auch dieHeiligen; denn der Gute kann zu Fall kommen, der Heilige nicht mehr; für ihn istdie Sünde wohl ein Greuel, aber kein Aergernis mehr. Andererseits aber kann auchder Bösewicht nicht mehr geärgert werden; denn es liegt im Begriff desSatanischen, daß das Böse als Eigenes vollständig assimilirt ist. Sonnt liegt dasObject des Aergernifses in der Mitte zwischen diesen Endpuncten. Aber auch andenen, die wir in dieser Mittelstellung treffen, ist es nicht diese für sich schon, sondernein specielleres Attribut, was sie dem Aergernis aussetzt, nämlich die Einfalt: ste-ift das Correlat zum Begriff des Aergernifses. Aber was ist Einfalt? Sie ist einZustand, da a. das Subject diese und jene Sünde, ja die Weltsünde im allgemeinennoch gar nickt kennt; durchs Aergernis erfährt es erst ihre Existenz; oder ll. dasSubject weiß vielleicht wohl, daß es Sünden giebt, die man so oder so nennt, aberes hat zugleich auch ein dunkles Grauen davor; das Aergernis nun ists, wodurchihm diese L>ünde in natura vor Augen gebracht wird, und zwar sieht es, wie dieseSünde mit Leichtigkeit begangen wird; man steht, der Thäter wird nicht etwa sofortvom Blitze getroffen, er lacht seiner That: das wirkt lähmend auf jenen vorherigenAbscheu zurück. Oder endlich e. das Subject hat eine Sünde, ein Laster wohl längsterfahren, ja vor Augen gesehen, aber nur als That solcher Menschen, die cs zumVoraus schon als lasterhafte kennt; nun aber wird dieselbe That begangen von je-mand, der sich seither als rechtschaffener Mann benommen, und dessen Frömmigkeitauch nur an die Möglichkeit solcher Vergehung zu denken verboten hatte; dadurchnun, daß auch er zu Falle kommt, wird die Einfalt auf die Vorstellung geleitet, esgebe überhaupt keine makellose Rechtschaffenheit; das Gemüth verliert den Glaubenan ein objectives Bestehen des Guten und damit auch einen Halt für die eigeneRechtschaffenheit.
2) Dies führt bereits auf den weiteren Punct: wo wir diejenigen zu suchen haben,die da Aergernis geben? Nach Matth. 18, 6 ist dies die Welt. Vom Satan sagtdie Schrift nicht, daß er Aergernis gebe; wo das Böse als eine absichtlich verführendeMacht auftritt (wie 1 Petr. 5, 8), da reden wir von Versuchung und Verführung,aber nicht von Aergernis. Diesem kommt vielmehr das Merkmal des Unabsichtlichenzu, d. h. der Vorsatz der Verführung liegt nicht darin; es wird im Leichtsinne ge-sündigt, man thut es, nicht weil andere es gewar werden, sondern obgleich siees gewar werden. Die da Aergernis geben, stehen daher immer in einem Ver-hältnis der Superiorität zu jener Einfalt; es kann nur der Starke dem Schwachen,der Erwachsene dem Kinde, der scheinbar Fromme dem, der erst fromm werden soll,wirkliches Aergernis geben; sollte je ein Kind nicht mehr Object, sondern bereitsSubject des Aergernifses sein, so wäre dies nur möglich entweder einem andern Kindegegenüber, das noch mehr als jenes in Einfalt steht, das jünger oder unselbständigerist, oder aber giebt nicht das Kind als Kind Aergernis, sondern die schlechte Er-ziehung, die es verräth. — Auf Eine biblische Redeweise scheint dies allerdings nichtzu passen, wenn nämlich a. a. O. Vs. 8 u. 9, wie schon in der Bergpredigt 5, 29.30 und Marc. 9, 43—47 das eigne Auge, die eigne Hand, der eigne Fuß alsSubjecte des Aergernifses genannt werden, die man in dem Fall lieber vom Körperabwerfen soll. Aber es ist klar, daß der specifische Begriff des Aergernifses aufAuge, Hand rc. nur uneigentlich übertragen werden kann; der Gebrauch desWortes ärgern ist hier nur durch die Personificirung von Auge, Hand und Fußherbeigeführt kann also auch für die Bestimmung des Begriffes selbst nicht ent-scheidend sein.