Druckschrift 
7 (1847)
Entstehung
Seite
38
Einzelbild herunterladen
 

38

süchtig hinab auf die Umgebung. Der Regen hatte aufge-hört die Wolke» verschwanden am Himmel. Der Gar-ten und der Hain weiter drüben waren blaß und in unbe-stimmten Umrissen im ruhigen Sternenlicht zu sehen. IhrBlick ruhte trübsinnig auf der Terrasse, wo sie so oft mitihrem jungen Geliebten saß ; aber'sie wußte nicht, warumsie trübsinnig war. Indem sie sich darauf umwandte, ruhteihr Blick zögernd ans dem kleinen Gemach, und sie betrach-tete, als wollte sie es nie wieder vergesse», jedes Gerätst,langsam ging sie endlich.hinweg, und während sie im Gehenimmer noch zögerte, schien sie jede Stelle, die ihr Fuß be-trat, ihrem Gedächtnis; tief einprägen zu wollen. So glittsie den Corridor entlang; als sie an ihrer Tante Zimmervorüber kam, blieb sie stehen und klopfte leise; eine ha-stige und überraschte Stimme hieß sie cintreten. Mit ihremsüßen, schmeichelnden Blicke trat sie ein, und ergriff Lucre-tienS Hand, welche vor dem Griff zurückbebte. Indem siesich über jene harte Stirn beugte, sagte sie einfach, aber miteiner Stimme, die wie ein Befehl erschien, in LucretiensOhr:Lassen Sie mich Sie heute Abend küssen!" und ihreLippen preßten sich auf jene Stirn. Die Mörderin schau-derte und schloß ihre Augen; als sie sie öffnete, war derEngel gegangen.

Die Nacht rückte weiter und weiter vor bis zu jene»Stunden, von deren erster an wir den Morgen rechnen, ob-wohl dann noch tiefe Nacht herrscht. Mondstrahl undSternenstrahl kamen durch die Fenster, schüchtern und feen-artig, wie in jener Nacht, als die Mörderin jung und ohne